Wir treffen Tiziana wieder - Tag 11

„Hey Hey!“, erklang um elf Uhr eine Frauenstimme in der Herberge im Konfirmantsalen und zur Tür herein kam eine kleine kugelrunde Frau mit breitem Lächeln auf den Lippen. Wir mussten zweimal hinsehen bis wir begriffen, dass da wirklich unsere italienische Pilgerfreundin Tiziana vor uns stand. „Tiziana!“, riefen wir überrascht und voller Freude. „Why you are so fast!?“, fragte Felix sie absolut ungläubig. Etwas betrübt berichtete sie uns daraufhin, dass sie unter Schlafstörungen leide und deshalb nachts immer wieder aufwache. Und wenn dann um vier Uhr die Sonne aufgeht, könne sie auch loslaufen und brauche nicht mehr vergebens versuchen in den Schlaf zurück zu finden.
Wir sagten ihr daraufhin, dass wir schon seit einer Woche versuchten früh aufzustehen, dass wir aber dennoch immer wieder verschliefen und das uns ein klein bisschen Insomnia wohl guttun würde. Daraufhin lachte sie, versicherte uns aber, dass Schlafstörungen keinesfalls gut seien und das sie lieber von unserer "Langschläfer Krankheit" befallen wäre als von ihrer Schlaflosigkeit.
Später frühstückten wir noch gemeinsam und sie erzählte uns, dass sie in Italien immer glücklich über jeden Regen wäre, weil er doch so erfrischend ist, dass er sie hier in Norwegen aber langsam etwas nervt. „Ever this rain.“, sagte sie genervt und blickte aus dem Fenster.

In genau diesem Augenblick riss der Himmel auf und ein Lichtstrahl fiel auf die kleine Italienerin. Ich und Felicia mussten lachen und sagten ihr, dass der Himmel das wohl gehört habe und ihr nun zur Belohnung dafür, dass sie den ganzen Regen ausgehalten habe, ein bisschen Sonne schenke.
Tatsächlich schien die Sonne allerdings nicht nur für einige Minuten, sondern für den ganzen restlichen Tag. Wir bedankten uns innerlich immer wieder bei Tiziana, denn wir glaubten fest daran, dass die Sonne nur wegen ihres kleinen Stoßgebetes schien. Um Zwölf Uhr hieß es dann Abschied nehmen und wir trennten uns wieder nur schwer von der kleinen Frau, denn es war wahrlich nicht voraus zu sehen, dass wir sie schon bald wieder sehen würden.
Beim Hinausgehen aus der Herberge sahen wir noch ein schönes norwegisches Gebet an der Ausgangstür, das ich euch keinesfalls vorenthalten möchte.

Gud velsigne deg.
Gud velsigne huset og gården,
og alle,
som bor og arbeider her,
og alle,
som kommer in og gå herfra.
Amen

Und nochmal auf Deutsch:

Gott segne sie.
Gott segne Haus und Hof,
und alle,
die hier leben und arbeiten,
und alle,
die hier gehen ein und aus.
Amen

Nach zehn Kilometern Fußmarsch, sahen wir die Spitze des Turmes der sogenannten Ringsaker Kirche. Sie ist dem Heiligen Olav geweiht und deshalb eine wirklich wichtige Station auf dem Olavsweg. Im Innern der kleinen um 1200 gebauten Basilika wurden wir von einem jungen Studenten begrüßt, der gekleidet war wie ein Mensch des 12. Jahrhunderts. Er gab uns eine Führung durch die kleine, aber wirklich schöne Kirche, die eine der ältesten in ganz Norwegen darstellt. Dabei ging er vor allem auf den prunkvollen Schrein ein, der am hintersten Ende des Kirchenschiffs den Hochaltar darstellte.
Dieser Altarschrank hatte zwei Flügeltüren und ist ein echtes Kunstwerk und besteht, in Antwerpen geschnitzt, aus fast 100 großen und kleinen Holzfiguren, von denen einige sogar mit echtem Gold veredelt wurden. Besonders schön ist auch die sehr realistische Darstellung von Christi Leib und Blut im unteren Mittelteil. Die, die etwas von Kirchengeschichte verstehen, werden sich beim Anblick des offensichtlich katholischen Altares, wohl sofort gefragt haben, was denn ein solcher in einer absolut protestantischen Kirche zu suchen habe. Nun, diese Frage möchte ich beantworten.

Der Altar wurde von dem Pastor Ansten Jonssøn bestellt, der wie alle Priester zu Lebzeiten katholisch war und ein echtes Prunkstück für seine Kirche haben wollte. Nun folgte aber auf die Altarbestellung 1536 relativ schnell die Reformation und weil der König zu jener Zeit evangelisch wurde, wurde auch fast ganz Norwegen protestantisch. So auch der Pastor Jonssøn, dem sein urkatholischer Altar aber auch noch als lutherischer Priester so gut gefiel, dass er ihn beibehielt und so ist er noch bis heute in der Ringsaker Kirche der katholischste in ganz Norwegen.

Tatsächlich lieben die Protestanten den Altar genauso wie die Katholiken, woran man wieder einmal sehen kann, dass Ökumene durchaus funktioniert.

Nach der Besichtigung der Ringsaker Kirche liefen wir nur noch drei Kilometer, denn wir stießen kurz vor dem kleinen Ort Moelv auf die schönste Bucht, die wir je gesehen haben. Wasser lief bis tief ins Landesinnere hinein und den klaren Sandstrand umringten grüne Hügel mit alten Fichten, die sich durch den bemoosten Fels gekämpft hatten. Eigentlich wollten wir noch viel weiter gehen, doch der Platz war einfach zu schön.
Außerdem fanden wir neben einer großen Feuerstelle auch noch eine flache und von Fichten gut geschützte Stelle, auf der wir unser Zelt zum ersten Mal wirklich gerade positionieren konnten. So kam es, dass wir einen richtig schönen Abend verbrachten, dessen Krönung ein blutroter Sonnenuntergang war, der nicht schöner und überwältigender hätte sein können. Außerdem fing Felix noch einen Fisch, der zwar klein war, aber doch recht gut geschmeckt hat.
Lange saßen wir an jenem Abend noch am Feuer und erzählten über die vielen Erlebnisse, die wir gehabt hatten und noch haben werden. Außerdem dachten wir an die vielen Menschen, die uns wichtig waren und wünschten sie zu uns in den Norden, zu uns an das warme Lagerfeuer.

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