Der 50km Marsch - Tag 7

Wir standen am Freitag schon früh auf, denn wir hatten uns etwas vorgenommen, dass viel Zeit erfordert. Von dem netten deutschen Pärchen hatten wir uns schon gestern verabschiedet und so kam es, dass wir um 8 Uhr mit gepackten Sachen die gemütliche Herberge verließen und auf den Olavsweg zurückkehrten. Wir taten dies schwermütig, denn wir wussten nicht, dass wir schon am selben Tag wieder in einem Bett schlafen würden.
Die nächsten 13 Stunden vergingen ohne jegliche Zwischenfälle, sodass wir liefen und liefen und Schritt um Schritt immer weiter in Richtung Hamar setzten. Das einzig wirklich beeindruckende war der Mjøsa See, der auf halbem Weg seine breiteste Stelle hatte. Wir schätzen die Distanz zwischen den beiden Ufern auf 3-4 Kilometer. Auch sonst war dieser See ein wahrer Traum. Umringt von Bergen und dem schillernden blauen Wasser wirkte er einladender und märchenhafter als viele andere Seen.


Wir treffen die ersten anderen Pilger
In dem kleinen Hof Ekeberg trafen wir auf die erste Pilgerin. Noch waren wir nicht in Hamar und waren ganz überrascht, denn wir hatten schon geglaubt ganz allein zu sein. Die Pilgerin, die wir trafen, kam aus Italien und hieß Tiziana, wie wir später erfuhren. Und tatsächlich hatten wir schon viel von ihr gehört, denn in all den Gästebüchern, die uns in den letzten Tagen begegnet waren, hatte sie sich immer vor uns eingetragen. Außerdem hatten uns auch Manni und Sandra von der kleinen Italienerin erzählt, die trotz ihrer Größe 40 km an einem Tag wanderte. Damals waren wir noch ganz beeindruckt, doch in Ekeberg erzählte Tiziana, dass sie sich die Füße während dieses Marsches so wund gelaufen habe, dass sie nun nur noch ganz langsam laufen könne und deshalb in Ekeberg übernachten würde. So kam der Abschied und während wir weiter nach Hamar liefen, blieb sie in Ekeberg.

Kurz vor Hamar beschlossen wir uns eine Herberge in unserem Ziel zu nehmen, denn nach einem solch langen Marsch würden wir kein Zelt mehr aufbauen. Als wir die Adressen, die der Pilgerführer uns vorschlug, durchgingen und in jeder der fünf Herbergen anriefen, die dort verzeichnet waren, verschlug es uns fast den Atem bei den unmenschlichen Preisen. Die billigste Pilgerherberge kostete 300 Kronen pro Person und es wurde immer teurer. Schließlich einigten wir uns darauf doch in dem Pilgrimssenter zu übernachten, denn wir wussten, dass wir eine Herberge brauchen und eventuell auch noch einen Ruhetag.
Während des Telefonats, das ich wenig später mit der Besitzerin des Pilgrimssenters führte, geschah ein Wunder. Sie gab uns nämlich zwei Nächte zum Preis von einer, weil sie wohl merkte, dass wir noch jung waren und nicht so viel Geld hatten. Ihr könnt mir glauben, dass das Motivation pur war. Wir mussten uns zwar selbst versorgen, aber wir hatten drei Betten für zwei Nächte. Und das zu einem unglaublichen Preis!!!
Die restlichen 25 km sprinteten wir nur so, was zur Folge hatte, dass uns kurz vor Hamar alles weh tat und ich sogar dachte, mein Bein müsse amputiert werden, wenn wir ankommen. Zum Glück kam es nicht so weit und als wir die Tür zur Herberge um halb Zehn öffneten und in die weichen Betten fielen, waren wir überglücklich.

Das Abendessen mit Deborah, Judith und Tiziana.
Das Abendessen mit Deborah, Judith und Tiziana.

Aber man kennt ja unsere Generation und so war das Erste was wir suchten nicht etwa Essen oder die Toilette, sondern das W-LAN Passwort, das wir auch nach einiger Zeit gefunden hatten. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass es an jenem Abend nur so klingelte vor Vernetzung.
Die Italienerin hatte gesagt, sie würde am Samstag in die Herberge kommen, also dem Tag nach unserer Ankunft in Hamar und wir rechneten damit, dass sie erst gegen Abend ankommen würde. Doch schon während unseres Frühstückes um 10 Uhr klang es durch das offene Fenster: „Hey Hey!“, rief die kleine Italienerin und uns klappte die Kinnlade herunter. Wie schaffte es diese kleine und nicht zuletzt runde Frau um die Uhrzeit an zu kommen, zu der wir eigentlich immer loslaufen. Schnell öffneten wir ihr die Tür und boten ihr etwas von unserem Frühstück an. Dankend nahm sie es an und die erste Frage, die wir ihr stellten, war die nach ihrer Startzeit. „Oh I started at 6am I think“, antwortete Tiziana und lachte.
Nachdem wir noch ein tolles Gespräch mit ihr geführt hatten  gingen Felicia und ich einkaufen, während sich Felix noch einmal ins Bett legte.
Als wir mit zwei großen Einkaufstüten zurück in die Herberge kamen, waren wir nicht mehr mit Tiziana allein, denn wenige Minuten vorher war Deborah angekommen. Eine Chirurgen aus Neuseeland, die auf dem Olavsweg nach Ruhe und Kraft suchte. Schnell hatten wir uns auch mit ihr angefreundet und viel von ihrer Reise erfahren.
Später luden wir uns alle gegenseitig zum Essen ein und kochten gemeinsam. Es gab Spaghetti Bolognese mit einem neuseeländischen Salat und ein bisschen Parmesan, den Tiziana aus Italien mitgebracht hatte. Das war das schönste Mittagessen, das ich je hatte. Noch während wir kochten, traf noch eine Pilgerin aus Deutschland ein, die Künstlerin war und ihre Pilgerreise schon beendet hatte.


Vor dem Essen hielten wir Tischgebete in vier Sprachen und verbrachten einen lustigen multikulturellen Abend. Später erfuhren wir auch, dass die deutsche Judith hieß und uns wurden viele Fotos von ihr gezeigt, die sie während ihrer Reise gemacht hatte. Wir waren ganz beeindruckt von den vielen tollen Orten, die uns noch erwarten würden.

Am Nachmittag waren Felicia und ich noch einmal mit den Fahrrädern, die man sich hatte ausleihen können, in die Stadt gefahren, wo sie fiel, weil die Pedalen des uralten Drahtesels viel zu rutschig waren. Sie schlug sich das rechte Knie auf und wir mussten schnell nach Hause, um ihr Bein zu verarzten. Als wir in die Herberge zurückkehrten und Deborah Felicias Knie sah, setzte sie sofort alle in Bewegung, um alle möglichen Arzneimittel ranzuschaffen. So kam es, dass die nette Neuseeländerin Felicias Knie besser verarztete, als jeder andere es gekonnt hätte und es schon nach einiger Zeit nicht mehr so schlimm war. Inzwischen ist die Wunde übrigens wieder fast verheilt.
Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen, aber bevor wir gingen, hielten wir noch eine gemeinsame Andacht in der Domkirche, die wir selber gestaltet haben. Das war richtig klasse.
Später liefen wir im Regen weiter und wussten gar nicht, dass wir die Italienerin schon sehr bald wiedersehen würden. Deshalb fiel der Abschied ziemlich schwer und wir trennten uns nur schweren Herzens von den tollen Menschen, die wir getroffen hatten. Über die nächsten Tage möchte ich euch ein andermal berichten, denn wir müssen jetzt weiter laufen. Deshalb


Liebe Grüße aus Norwegen auch von Felicia und Felix,


Konrad


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Kommentare: 5
  • #1

    Tina und Markus (Mittwoch, 29 Juli 2015 22:38)

    Hallo Konrad, Felicia und Felix,

    das hört sich ja alles super gut an, und es freut mich, dass ihr gemeinsam ein so
    geniales Abenteuer mit dieser Reise erlebt. Dori hat mir gerade am Telefon die Geschichte
    mit der Engel-Hexe im Wald erzählt - ist ja echt irre! Dass ihr euch, trotz der vielen Märchen,
    die ihr schon gehört habt, getraut habt, dort zu übernachten.... aber so ist es nun auch manchmal
    im Märchen: Die Kröte wird zur Prinzessin, der Gnom am Wegesrand hat die entscheidende
    Botschaft und aus ner handfesten Hexe kann ein Engel werden.
    In diesem Sinne wünschen wir euch noch viele weitere wunderbare Begegnungen
    und recht oft ein weiches Bett und immer genug Wasser!
    Alles Gute!
    Markus und Tina

  • #2

    Moni (Donnerstag, 30 Juli 2015 12:28)

    Hallo Konrad,

    wir sind schwer beeindruckt von den Kilometern die Ihr zurücklegt und den schönen Erleb-
    nissen....
    Ganz liebe Grüße - auch an Felicia und Felix - Moni und Beate

  • #3

    Judith (Donnerstag, 30 Juli 2015 13:20)

    Hi Ihr drei,
    schön, hier weiter von Euch zu lesen. Am Montag den 27.7. bin ich erfolgreich in Deutschland (Hamburg) gelandet, wo das Wetter echt grottig ist, viel nasser als in Norwegen. Ich wünsche Euch noch eine ganz tolle Reise und werde Euren Blog natürlich weiter verfolgen. So kann ich wenigstens im Geiste noch etwas am Olafsweg verweilen und mich auf nächstes Jahr freuen, wenn ich selbst weitermarschiere...
    Es grüßt Euch ganz herzlich Judith ("die Künstlerin").

  • #4

    Gyburg (Dienstag, 04 August 2015 18:14)

    Hallo, geht es Euch gut?
    Lauft Ihr weiter jeden Tag 50 Kilometer oder macht Ihr wenigstens am Sonntag mal Pause?
    Viele schöne Erlebnisse und Gottes Segen wünscht Euch Gyburg

  • #5

    Konrad (Mittwoch, 05 August 2015 20:10)

    Vielen Vielen Dank für die vielen netten Wünsche.
    Toll, dass ihr an uns glaubt:)
    Alles Liebe,
    Konrad

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