Surprising World - Tag 32

~ Ahrild war früh aufgestanden, denn heute war ein großer Tag. Er war gerade dabei sein Haus zu verkaufen und an eben jenem Tag würden vermeintliche Käufer kommen, um es sich anzuschauen. Schnell machte er Frühstück und während er hoffentlich zum letzten Mal auf seiner Terasse saß und genüsslich seinen Kaffee trank, blickte er auf die Straße vor seinem Apartment. Dort nämlich verlief der Olavsweg und er wartete nun schon seit einigen Tagen darauf, dass die drei Jugendlichen dort vorbeiliefen, mit denen er doch eine so schöne Zeit verbracht und viele Kilometer zurück gelegt hatte. Doch es kam Niemand und so wusch er ab und machte sich daran die letzten Dinge noch in Ordnung zu bringen, welche einer Besichtigung im Weg standen. Dann schließlich klingelte es und nachdem er die Besucher und Käufer eingewiesen hatte ließ er sie in dem Haus allein, um einzukaufen. Als er aber am Supermarkt ankam, sah er etwas Vertrautes. Drei Rucksäcke, ein Blondes Mädchen und einen Lockenkopf. Das konnte doch nur… Nein… War das…? „Surprising World!!!“, rief er und eilte auf die beiden zu. ~

Wir waren lange gewandert bis wir in Buvika zum ersten Mal den Trondheim Fjord gesehen hatten, der an dieser Stelle Gaulosen hieß und alle unsere Erwartungen übertrief. Das Wasser war wunderschön und wir bestaunten es noch lange, als wir vor dem Coop (Supermarktkette) in dem kleinen Vorort rasteten und uns tüchtig mit Lebensmitteln eindeckten.

Es herrschte eine bedrückte Stimmung, denn wir wussten nicht, wie wir weiter machen sollten. Gleichwohl waren wir viel zu schnell gelaufen und würden, wenn alles nach Plan liefe, schon übermorgen in Trondheim sein. Das mag sich jetzt auf den ersten Blick schön anhören, aber das Problem bei der Sache war, dass Trondheim so teuer war, dass wir uns eine Woche dort schlichtweg nicht leisten konnten. Also mussten wir uns etwas einfallen lassen und so kam es, dass ich im Zuge unserer Überlegungen auf die Idee kam das Bonifatiuswerk in Deutschland um Hilfe zu bitten. Zu diesem Zweck hatte ich kurz vor dem kleinen Ort Buvika versucht, Frau Reiher zu erreichen. Das ist übrigens die Frau, der wir zu verdanken haben, dass dieser Blog so klasse geworden ist. Sie war aber nicht da, sondern machte eine Fortbildung auswärts und so hob eine Frau ab, die sich als Frau Jesse vorstellte und uns nett begrüßte. Schnell erläuterte ich mein Anliegen und erklärte das Problem in der Hoffnung, dass sie vielleicht etwas für uns tun könne. Erst glaubte ich nicht so richtig daran, doch ich sollte eine ganz unerwartete Antwort auf meine Bitte bekommen, als mein Handy vor dem Supermarkt in Buvika klingelte. Frau Jesse hatte rumtelefoniert und doch tatsächlich den Generalvikar der katholischen Kirche in Trondheim erreicht, obwohl dieser gerade in Polen war. Dieser Generalvikar, der übrigens Mazcka mit Nachnamen hieß, verstand unser Problem und bot uns an, seine Wohnung in Trondheim zu benutzen, solange er noch verreist sei.
Als wir das hörten, konnten wir unser Glück kaum fassen. Ich hätte Frau Jesse in jenem Moment wirklich um den Hals fallen können so glücklich war ich, denn alle unsere Probleme hatten sich mit einem Mal in Luft aufgelöst. Wir konnten also doch nach Trondheim laufen. Schon morgen oder übermorgen. An dieser Stelle möchte ich mich übrigens noch einmal ganz herzlich bei Frau Jesse bedanken. Sie haben uns damals wirklich gerettet. Vielen Dank!

Zu allem Überfluss und als jegliche schlechte Laune schon längst verflogen war, kam ein Mann auf uns zu, den wir schon für verschollen gehalten hatten. „Ahrild!!!???“, rief ich überglücklich und auch Felicia konnte es kaum glauben. Wir begrüßten uns herzlich und lachten über die Zufälle, die die Zeit doch bringen konnte. Auch Felix war unglaublich überrascht und konnte es kaum fassen. Nach der Begrüßung setzten wir uns mit Ahrild auf eine Bank und aßen noch ein zweites mal zu Mittag. Überglücklich erzählten wir von den Ereignissen der letzten Wochen, denn wir hatten uns ja tatsächlich seit Toftemo in Dovre nicht mehr gesehen. Schlussendlich verabredeten wir dann noch uns in Sundet Gard zu treffen, um gemeinsam Abendbrot zu essen. Das war die Herberge vor der Felix, Felicia und ich an jenem Tag schlafen wollten.
Der Abschied fiel schwer, doch wir würden uns ja schon am Abend wiedersehen, wenn alles glatt lief. So wanderten wir noch einige Kilometer und es waren wirklich nur noch ein paar, denn die Strecken, die unser Führer uns für die Wanderungen vor Trondheim vorgesehen hatte, waren wirklich sehr kurz und so konnte man langsam laufen und genießen.

Während Ahrild also die letzten Vorkehrungen zum Verkauf seines Hauses traf, wanderten wir am Trondheimfjord entlang und gingen am Strand vor Sundet Gard sogar noch einmal baden. Zwar war das Wasser trotz prallem Sonnenschein sehr kalt, aber manchmal brauchte man einfach mal ein Bad. Und es war wirklich wunderschön. Für mich war es sogar das erste Mal, dass ich im Atlantischen Ozean schwimmen war und deshalb ein besonders tolles Gefühl.

Durch Zufall trafen wir dann noch unsere beiden Freunde aus Potsdam, die uns erzählten, sie würden auf dem Oysandcampingplatz übernachten und dann am Morgen nach Trondheim laufen. Während wir versprachen, uns dort zu treffen und die Ankunft zu feiern, gaben uns die Potsdamer frischen Orangensaft, der so gut schmeckte, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte. Denn ich hatte tatsächlich den Geschmack von vielen Säften schon vergessen und kannte nur noch Wasser.

Am Fluss vor Sundetgard kamen wir gegen 17 Uhr an und wir konnten die Pilgerherberge auf der anderen Seite schon sehen. Schnell rief ich bei John Wanvik, dem Fährmann an, um unsere Ankunft zu bestätigen. Der sagte, er würde sich gleich ins Boot setzen und zu uns kommen, wir sollten nur noch etwas warten. Einige werden sich jetzt schon fragen: Fährmann? Boot? Zurecht, denn ich habe noch gar nicht davon erzählt, dass man, wenn man nach Sundet Gard möchte, erst mit dem Boot über den breiten Fluss Gaula muss, das übrigens ein altes hölzernes Ruderboot war, wird von dem netten Fährmann John Wanvik gelenkt.
Während wir auf ihn warteten ließen wir Steine übers Wasser hüpfen und filmten dies in Zeitlupe, tolle Videos sind da entstanden, doch nach ca. einer viertel Stunde kam er dann und wir waren total beeindruckt davon, dass dieser Mann jedes Jahr hunderte von Pilger auf die andere Seite rudert. Auch sonst war es total klasse in diesem Boot zu sitzen und auf das klare Wasser zu schauen, während die norwegische Landschaft schweigsam an dir vorbeizieht.

Auf der gegenüberliegenden Seite wurden wir dann von Hiromi, den beiden Deutschen, die wir in Skaun getroffen hatten und Michele und Sarah begrüßt, die schon sehnsüchtig auf uns gewartet hatten. Auch Ahrild war schon da und so aßen wir noch ein letztes mal gemeinsam während der vorletzte Tag unserer Pilgerreise sich langsam dem Ende nähert und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass das wohl einer der aller schönsten Tage war, die wir auf der Wanderung erleben durften.
Der Abschied von Ahrild fiel schwer, denn wir wussten, dass wir ihn nun für eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen würden und so umarmten wir einander noch ein letztes, herzliches Mal und dann fuhr Ahrild in seinem schwarzen Audi von dannen. Immer weiter entfernte sich das kleine Auto bis es schließlich hinterm Horizont verschwand. Ich sage euch, bei manchen Menschen ist es verdammt schwer sie gehen zu lassen.

Die letzten 22 Kilometer liefen wir am Dienstag zusammen mit Hiromi und den beiden Italienern. Wir mussten uns beeilen, denn wir hatten uns um 15 Uhr mit Thomas und Tiziana am Nullstein verabredet und wir brannten darauf, unsere alten Freunde wieder zu sehen.
Die letzten Kilometer führten weiter durch wilde Natur und wir mussten noch kurz vor Trondheim reißende Flüsse auf Steinen überqueren.

Doch dann sahen wir den Dom in seiner vollen Pacht. Er stand hinter einem Hügel, sodass wir ihn erst ganz kurz vor unserer Ankunft von einem Steilhang aus sehen konnten. Das Panorama war genauso wundervoll wie der sonnige Nachmittag und so kam es, dass wir um 14:42 Uhr zum ersten Mal den Nullstein sahen. Wir hatten es tatsächlich geschafft. Und als wir dann auch noch von Tiziana und Thomas begrüßt wurden war das Glück perfekt.

Ich weiß noch, wie ich vor Freude fast geweint habe und ungläubig auf den Stein mit der Aufschrift "0 km til Nidaros" gestarrt habe. Und ich weiß auch noch, wie ich Angst davor hatte anzukommen und den Pilgertot zu sterben. Doch wir hatten es gemacht und bevor wir den Dom betraten, führten wir noch eine alte Pilgertradition aus und liefen um ihretwillen dreimal singend um den Trondheimer Dom. Danach aber gingen wir hinein in die riesigen Hallen und bestaunten die Größe des Monuments, das wir schon solange ersehnt hatten. Wunderschön war der Dom, sowohl von innen als auch von außen und ich sage euch, dass sich die Pilgerreise wirklich gelohnt hat.

Am Abend betraten wir dann die wunderschöne Wohnung von Herrn Maczka und ich dankte ihm per SMS hunderte Male für das, was er uns gegeben hatte. Wir schliefen gut und träumten ein letztes Mal von der wunderschönen Natur Norwegens. Wir hatten es tatsächlich geschafft und alles war gut.

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Kommentare: 3
  • #1

    Gyburg (Montag, 07 September 2015 20:05)

    Noch einmal: Herzlichen Glückwunsch! Mögen die glücklichen und schwierigen Erfahrungen dieser Pilgereise Euch noch viele Tage begleiten und Euch zum Segen werden! Möge das, was Ihr erträumt habt, in Erfüllung gehen.

    Mit vielen lieben Grüßen
    Gyburg

  • #2

    Judith (Dienstag, 08 September 2015 22:03)

    Herzlichen Glückwunsch!!! Und vielen Dank für den anschaulichen Bericht, der mir eine Idee davon gibt, was mir nächstes Jahr noch blüht.
    Liebe Grüße von Pilger zu Pilger und Gottes reichen Segen,
    Judith

  • #3

    Joe (Mittwoch, 17 August 2016 12:03)

    Das "blonde Mädel" schaut klasse aus ;-)

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