Nicht ganz (geschmacks)neutrale Beobachtungen

 

Da ich mich in einer wundervollen Beobachterposition als einzige Ausländerin zwischen vielen,

jede Woche wechselnden Schweden befinde,

wollte ich meine wirklich sehr amüsanten Erfahrungen der letzten Wochen mal mit euch teilen.

 

 

 

 

 

“Swedes” and Salty (hihi)

Wenn man in Schweden in den Supermarkt geht, unterscheidet der sich zunächst kaum von deutschen Äquivalenten. Gut, es gibt ein paar mehr Tetrapacks, die Packungen mit Essen sind alle ein bisschen grösser portioniert und es gibt viel Schmelzkäse mit Wurstgeschmack, aber sonst sieht es da doch recht gewöhnlich aus. Dass Schweden dann doch einige andere

Essgewohnheiten haben, beim wird offenbar, wenn man ihnen dabei zuschaut.

Gestern hatte jemand, nennen wir sie Julia,

Geburtstag und ich habe ihr eine Pfannkuchentorte bereitet. Apfelpfannkuchen, Sahne und Apfelmus aufeinandergestapelt, zack, fertig.

 

Julia hat sich sehr gefreut, angefangen zu essen, und griff auf meinen Hinweis, dass ich es nicht persönlich nehme, wenn sie noch mit Zimt, Zucker etc. nachlegt, zum Salzstreuer, um meine Pfannkuchen so großzügig zu salzen, als wären sie eine ungewürzte Suppe. Nein das, liebe Freunde und Freundinnen, war kein Versehen.

In den zweieinhalb Monaten, die ich jetzt hier bin, dass es kleine aber intensive Unterschiede zwischen schwedisxher und deitsxher Küche gibt. Schweden lieben die Kombination von salzig und suess, und das hat während meines Aufenthaltea häufiger fuer Ueberraschungen gesorgt.

 

Von salzigem Karamell und von Köttbullar mit Preiselbeermarmelade haben die meisten

vermutlich schonmal gehört oder sogar probiert. Das beschreibt allerdings nicht ansatzweise das Ausmaß. Fisch, Kaviar, Käse und Senf, alles lebt von einem sehr hohen Zuckeranteil, während beispielsweise Eierkuchen, Milchreis und Grießbrei mit sehr viel Salz versehen werden. Da die Butter nur in sehr salzigem Zustand existiert, kann man kaum salzarm kochen oder backen, doch in der Zubereitung der Speisen wird nochmal deutlich an Salz nachgelegt. Da aller guten Dinge drei sind, gehört es selbstverständlich zum guten Ton als Schwede, das soeben servierte Essen, ohne vorher zu probieren, ein drittes Mal mit jeder Menge weißen Goldes zu versehen. Das war anfänglich tatsächlich recht befremdlich für mich.

Trotzdem, traut euch, probiert es! Zugegeben, salziger Grießbrei und Co. sind immer noch nicht mein Ding. Dagegen habe ich Brot mit eingebackenen Preiselbeeren, Sill (süß eingelegter Hering), Kaviarcreme und diesen tieforangen norwegischen Käse, sehr zu lieben gelernt. Auch die gesalzene Butter finde ich super, weswegen ich vermutlich nach meiner

Heimkehr, genauso wie es mir eine Schwedin über ihre Auslandsaufenthalte geklagt hat, die deutsche Butter als sehr geschmacklos empfinden werde. Aber Salz findet man ja immer :D

 

Just det

Eine Schwedin beschrieb es mir mit “bekräftigend” und das ist wirklich ein passender Ausdruck. Egal wie offensichtlich eine Situation ist, nichts Gedachtes kann unausgesprochen

bleiben.

 

Manchmal werde ich von der gleichen Person fünf mal am Tag gegrüßt, damit ich weiß, ich wurde wahrgenommen. Nach jeder Mahlzeit, wird sich für diese bedankt, jedes Mal wird erwähnt, wie lecker diese doch war. Nach jeder Arbeitsschicht wird versichert, dass es toll war, miteinander zu arbeiten und wenn man eine Konversation führt, wird regelmäßig bekräftigt, dass man noch zuhört mit Ausdrücken wie Just det (so ist das), ja! (kann man sich ja denken), precis! (genau), inte (nicht) und so weiter. Als neulich eine Person mit mir sprach, die jenes Verhalten nicht ihr eigen nannte, hab ich nach zwei Monaten Dauerbestätigung das Gefühl gehabt, sie höre mir gar nicht zu. Dieses zu Beginn sehr ungewohnte Verhalten hat also wirklich seine Vorteile :D 

 

Soziale Interaktion bei Schweden

Wie in meinen vorherigen Artikeln schon erwähnt, haben wir regelmäßig Gebetszeiten in einer Kapelle.

 

Diese hat eine sehr hohe Decke, viel Glas, ist an einigen Stellen schlecht gemauert, sodass man durch Spalte nach draußen schauen kann, und ist somit nicht perfekt für den schwedischen Winter geeignet. Es ist schrecklich kalt. Allerdings gibt es im hinteren Sitzbereich drei Heizungen, vor denen jeweils drei Stühle stehen. Wenn das in unserer Kapelle in Dresden der Fall wäre, wären das wohl die Plätze, die zuerst besetzt sind, das ist jedoch nicht so. Wieso? Sobald eine Person auf dem mittleren Platz vor der Heizung sitzt, ist die Heizung belegt, denn es gibt ein stillschweigendes Abkommen zwischen all den Besuchern:

Sozialgesetz Paragraph 1 Abschnitt a) im Öffentlichen Raum muss bei Sitzgelegenheiten

zwischen zwei sich unbekannten Individuen mindestens eine Person Abstand gehalten werden. Wer das nicht macht, ist offensichtlich Ausländer.

 

Um mich integrationstechnisch von meiner besten Seite zu präsentieren, hab ich mich mittlerweile angepasst, was häufig mit dem Frieren einhergeht. Denn diese heimliche Übereinkunft hat zur Folge, dass sich manch einer schon zehn Minuten vor Beginn des Gebets den mittleren Platz vor der Heizung sichert. Wenn man mit Schweden jedoch näher in Kontakt

tritt, braucht man diese Leere und Kälte jedoch nicht mehr zu fürchten.

 

Ziemlich oft werde ich hier einfach grundlos umarmt, sogar GESCHMATZT, getätschelt und gelobt. Da wird mir sogar im schwedischen Winter ganz warm.

 

Schweden fürchten fremden Kontakt wie Deutsche das Tanzen und den Spass

Ein Vorurteil, was ich vor meiner Reise ins tiefe Schweden mehrfach zu hören bekam: “Manchmal muss man den Schweden sogar ein bisschen penetrant hinterherlaufen, damit sie sich trauen, mit dir zu sprechen. Fremde spricht man in Schweden nicht an, das gilt als sehr komisch, die sind da sehr introvertiert.” kann ich ÜBERHAUPT NICHT bestätigen.

 

Sogar wenn ich einfach in Stille irgendwo rumsitze, versucht man mich in Gespräche einzubinden. Als ich mein erstes Mal Ski fahren war, traf ich auf zwei Frauen, die mir Ihre Häuser zeigten, mir schöne Orte empfahlen, mich zur "Ersten Skifahrerin Rättviks" des Jahres 2019 kürten und sich freuten, dass ich so viel schwedisch kann (das stimmt zwar nicht, aber sie freuten sich trotzdem) und selbst als ich einmal um 6:30 Uhr auf den Bus wartete, begann eine Frau mit mir ein Gespräch, obwohl sie kaum englisch konnte, über das kalte Wetter, Vögel

und Stockholm. Ich kann euch guten Gewissens versichern, dass der Redeanteil zu

mindestens 60% auf Seiten der Schweden lag und dass dies nur Auszüge aus einer langen Liste ähnlicher Geschehnisse waren. Diese Warnungen konnte ich nun also einwandfrei als Vorurteile enttarnen, genauso wie Deutsche, die grundsätzlich in Lederhosen rumrennen, Angst vor Spaß und dem Tanzen haben.

 

Da mein Text schon wieder sehr lang geworden ist, werde ich mir meinen Bericht über die wirklich wunderbare schwedische Adventszeit noch aufheben müssen und wenn ihr es bis hierhin geschafft habt, bin ich sehr stolz auf Euch.

 

 

 

 

Ganz viel Liebe nach Dresden, Paraguay, Griechenland, Ungarn  und alle, die ich vergessen habe,

Eure Hannah

 

 

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