Estland - Mein Land

Alexandra hat 22 Monate in Estland verbracht. (Foto: Mirjam Englich)
Alexandra hat 22 Monate in Estland verbracht. (Foto: Mirjam Englich)

Dass die Zeit nach dem Schulabschluss beginnt zu rasen, ist mir nichts Neues. Auch meine 22 Monate im Praktikum fühlen sich im Nachhinein so an, als wäre ich erst gestern nach Tartu gekommen. Was anfangs als ein "muss-man-mal-gemacht-haben-Auslandsaufenthalt-nach-dem-Bachelorstudium" gedacht war, entwickelte sich zu einer großen Liebe zur estnischen Sprache und Kultur und vor allem zu der Stadt Tartu. 

So kam es dazu, dass ich mich entschied, an meine geplanten 10 Monate noch 12 weitere dranzuhängen. Seit Ende August 2019 wohne ich also in Tartu und bin seither nur für Besuche wieder in Deutschland gewesen.

Meine Arbeit im Katholischen Bildungszentrum

Binnen zwei Jahren habe ich im Katholischen Bildungszentrum Tartu gearbeitet und habe die Lehrer*innen im Deutschunterricht und im Kindergarten bei ihrer Arbeit unterstützt. Die Arbeit war sehr abwechslungsreich und stets gab es neue Herausforderungen, denen es galt, sich zu stellen. Heidi, meine wunderbare Mentorin in dieser Zeit, hat dafür gesorgt, dass mir nicht langweilig wurde und mich stets mit neuen Aufgaben auf Trapp gehalten. Und weil eine Hand die andere wäscht, hatte sie die Ehre, sich all meiner Probleme anzunehmen. Und weil ich mich dann auch ihrer Probleme annahm, sind wir Freunde geworden.

Der Vlog "Kalte Füße"

In meinem Vlog ´"Kalte Füße" habe ich meinen Praktikumsalltag immer wieder mitgefilmt. Das alles war super viel Arbeit neben dem ganzen anderen was man eigentlich arbeitet. Das Filmen an sich war nicht die Schwierigkeit. Eher die Postproduktion. Zum einen wollte ich Videos machen, die die Menschen interessieren und die angeschaut werden mit Inhalt, der spannend ist. Andererseits hatte ich auch einen gewissen Anspruch daran, wie "gut" das alles aussehen sollte. Ich finde es bis heute schade, es nie geschafft zu haben, alle Videos zu produzieren, die ich produzieren wollte und teilweise noch Material rumliegen habe, was ich nie geschafft habe zu schneiden. Aber so ist das eben – als Praktikantin bin ich eben keine Influencerin oder Content Createrin. Alles in allem sind die Videos aber sicher eine schöne Erinnerung an mein Leben in Estland.

Die estnische Sprache

Mit der Zeit habe ich mich darin vernarrt, unbedingt gut Estnisch sprechen zu können. Kann doch nicht sein, dass ich ein Jahr in Estland wohne und danach nichts von der Sprache mitnehme. Und schon habe ich mich darum gesorgt, wie es wohl ist, wenn ich wieder in Deutschland bin und die Sprache quasi gar nicht mehr benutzen kann. Ich erinnere mich noch an die ersten Momente im Alltag, als ich zum ersten Mal spontan auf Estnisch antworten konnte und welches Glücksgefühl und welchen Stolz das in mir auslöste.

 

Ich machte es mir selbst zur Aufgabe im Café oder Supermarkt, nicht als Ausländerin enttarnt zu werden. Was recht gut funktionierte, zumindest so lange bis die Verkäuferin fragte, ob ich eine Rabattkarte kaufen möchte. Die Leute freute es ungemein, dass ich mutig war und die Landessprache benutzte. Natürlich könnte ich auch einfach Englisch sprechen – will ich aber nicht! Denn wie soll ich eine Verbindung zu Est*innen aufbauen, wenn ich mich nicht auf alles was das mir fremde Land bereithält, einlassen kann. Nach einem Jahr und dem ersten Corona-Lockdown, war mir klar, dass es sich weder logisch noch gut anfühlte, nach Deutschland zurückzukehren. Und so blieb ich. 

Mein Hobby vor Ort: Der Schauspielkreis

Geht nicht, gibts nicht. Alexandra auf der estnischen Bühne. (Foto: Lola Mariin)
Geht nicht, gibts nicht. Alexandra auf der estnischen Bühne. (Foto: Lola Mariin)

Im Schauspielkreis habe ich wöchentlich junge Menschen aus Estland in meinem Alter getroffen. Ab dem ersten Treffen wurde für mich übersetzt. Ich kam mir vor wie ein Klotz am Bein, ein schwerer Koffer mit unnötiger Last, den man eigentlich hätte zu Hause lassen können. Ich bin bei Fahrgemeinschaften mitgefahren, ohne zu verstehen, wohin wir eigentlich fahren. Ich habe bei Übungen mitgemacht, ohne zu verstehen was das Ziel davon war, habe Spiele gespielt ohne die Regeln zu kennen. Und das alles wegen der Sprachbarriere.

 

Der Anfang war unfassbar schwer. Ich hatte überlegt, alles hinzuschmeißen nachdem ich im ersten Probenlager acht Stunden täglich Diskussionen über Anton Tschechow ausgesetzt war. Ausgesetzt ist hier das richtige Wort, ich habe nämlich nichts verstanden! Mir wurde angeboten, während der Diskussionen was anderes machen zu können, aber es wurde ausschließlich diskutiert, warum wäre ich sonst überhaupt gekommen?

Ich nahm mein Wörterbuch mit und mein Notizbuch, setzte mich in die Diskussion und schlug nacheinander jedes Wort nach, das ich daraus aufschnappte. Inzwischen habe ich vier volle Notizbücher aus meiner Zeit in Estland. Und es werden noch mehr. Dass ich heute ohne Übersetzer*in auskomme verdanke ich besonders dem Schauspielkreis, meinem Optimismus und meinen Notizbüchern.

Alleinsein lernen

Ich muss gestehen, dass ich mich wohl noch nie im Leben so allein gefühlt habe, wie während meines Lebens in Estland. Was absolut nicht negativ gemeint sein soll. Also nicht nur. Das Alleinsein war für mich immer ein Thema, dass mir Angst machte. Wer möchte schon allein sein? Hier habe ich die unterschiedlichsten Formen das Alleinseins kennengelernt. Und ich spreche bewusst nicht von Einsamkeit. Einsamkeit hat sofort diese negative Wirkung. Alleinsein bedeutet, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und auch die Möglichkeit dazu zu haben. Es bedeutet nicht unbedingt, räumlich von anderen Menschen komplett getrennt zu sein, sondern vielmehr Raum für sich zu haben, obwohl man vielleicht mit anderen unterwegs ist. Nebeneinander zu sitzen und die Stille zu genießen. Mit niemandem zu sprechen außer mit sich selbst. Ich würde sagen, das ist eines der neuen Fähigkeiten, die ich dazu gewinnen konnte und mich immer begleitete.

Die katholische Kirche in Estland

Die katholische Kirche in Estland, habe ich als eine sehr konservative und nicht zeitgemäße Kirche wahrgenommen. Meiner Meinung nach hat jede Person ihr eigenes Verständnis von Glauben, wie und woran sie glaubt. Die Kirche ist eine Institution zur Vermittlung von Glauben, in der ich mich bisher immer wohl gefühlt habe, durch die Gemeinschaft und Offenheit, die ich in meinen Gemeinden in Deutschland bereits erleben durfte. Hier in Estland habe ich mich gefragt, ob es überhaupt sein kann, dass das ein und dieselbe katholische Kirche ist, der ich angehöre.

Auf einer Pilgerfahrt nach Vasteliina.
Auf einer Pilgerfahrt nach Vasteliina.

Glaube als Diskussionsthema

Immer wieder bin ich auf Menschen gestoßen, die ich als tolle Personen kennenlernen durfte, in einer kleinen Glaubensgemeinschaft wie auf dem Dorf, wo jeder jede kennt.

Leider stellte sich heraus, dass die meisten eine Weltanschauung haben, die ich persönlich überhaupt nicht teile und die mich teilweise auch sehr wütend und traurig gemacht hat. Glaube ist und bleibt eine individuelle Erfahrung, die jeder Mensch anders erlebt. Die Bibel ist nicht das Regelwerk und bestimmt nicht wörtlich zu nehmen. Die Geister scheiden sich und das ist in einem bestimmten Maß auch gut so, denke ich. Mir hat es gezeigt, dass eine Diskussion in diesem Fall schwer ist, wenn sich die eine Seite besonders auf Zitate aus der Bibel stützt und die andere auf die individuelle Glaubenserfahrung. Alles in allem kam ich zu dem Entschluss, dass der Schwerpunkt des katholischen Glaubens der Menschen in Estland eben ein anderer ist als mein eigener und dass die ganze Situation mehr oder weniger ein ziemliches Dilemma darstellt. Was ich aber mit gutem Gewissen sagen kann: Die katholische Kirche ist mir bisher überall auf der Welt stets herzlich und als verbindendes Element entgegengetreten so auch in Tartu, wofür ich sehr dankbar bin.

Mitbewohner*innen und mein Mitpraktikant

Mitpraktikant Jonas und Alexandra im Ski Lift.
Mitpraktikant Jonas und Alexandra im Ski Lift.

Jonas kam in meiner zweiten Hälfte des Praktikums als zweiter Praktikant nach Tartu. Es war schön, jemanden zu haben mit dem man die Erlebnisse des Tages unmittelbar teilen konnte. Regelmäßig haben wir hitzige Diskussionen geführt, bei denen unsere Meinungen auseinander gingen. Wir verstehen uns gut, noch heute, aber waren uns einig, dass es gut war, sich nicht dieselbe Wohnung zu teilen. Umso mehr kamen wir mit anderen Mitbewohner*innen aus dem Studierendenwohnheim in Kontakt. 

Ich erinnere mich gerne an den Tag, an dem Jonas in Tartu ankam. Er hatte an der Pforte seine Schlüssel zur Wohnung erhalten und wir gingen zusammen auf sein Stockwerk, um zu sehen, wo er die nächsten 10 Monate wohnen sollte. Im achten Stock angekommen, ließ sich der Schlüssel im Schlüsselloch nicht bewegen. Die Tür war aber glücklicherweise offen und so konnten wir dennoch in die Wohnung. Als Jonas in seinem Zimmer stand und sich umschaute, sah es als würde hier schon jemand wohnen. "Ist das wirklich das richtige Zimmer?" wollte ich wissen. Jonas schaute nochmals auf die Schlüsselnummer, dann auf die Zimmernummer. Wir flüchteten nach draußen. Die richtige Wohnung sah deutlich verlassener aus. Gleichzeitig wussten wir nicht, was sich in dem mysteriösen Koffer im zweiten Zimmer der Wohnung befand. Nach mehreren Wochen stand plötzlich ein Freund des Besitzers des Koffers in der Wohnung, der die Sachen abholen wollte, da der Kumpel schon längere Zeit wieder in Indien war.

Internationale Begegnungen

Der darauffolgende Mitbewohner war Franzose, der eigentlich nichts besaß was man zum Leben brauchte und sich immer die Sachen von Jonas auslieh. Soweit schön und gut, solange er sie nicht regelmäßig verloren hätte. Zuerst Besteck und dann mal eine Schüssel, am Ende einen Hocker(!). Ich habe derweil die meiste Zeit mit Upasana und Dharam, einem Ehepaar aus Indien zusammengelebt. Sie waren sehr liebe Mitbewohner*innen und nur wenige Jahre älter als ich. Mit der Zeit haben wir uns angefreundet und auch ab und zu etwas zusammen unternommen. Das größte Leid war stets unser Putztag, auf den wir alle keine Lust hatten. "In Indien würden wir uns für einen Euro eine Putzkraft bestellen und die würde dann alles sauber machen." Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mein Praktikum im Norden vielleicht in Indien gemacht.

Die Natur in Estland

Alexandras Freundin Johanna in der estnischen Feuchtsavanne.
Alexandras Freundin Johanna in der estnischen Feuchtsavanne.

Die endlosen Märsche durch die "Pampa" und das Wissen, dass wenn man den Bus verpasst, die Nacht in einer Eiseskälte bei -30 Grad verbringen muss, verliehen den Ausflügen durch Estland mit den Öffis immer einen gewissen Reiz. Und auch wenn es manchmal nicht den Anschein hatte, der Bus ist immer gekommen, pünktlich! Egal wie wenig Hoffnung einem die fast nicht vorhandene Bushaltestelle gemacht hat.

 

So bin ich durch atemberaubende Moorlandschaften, Wälder und über Inseln gewandert und durfte feststellen, dass ein Land ohne Berge naturtechnisch durchaus(!) etwas zu bieten hat. Und zwar mehr als jeder von euch da draußen glaubt. Eine Freundin, die mich neulich besuchte, ist zum ersten Mal zusammen mit mir ins Hochmoor. Johanna war gerade dabei, die Treppe hinaufzusteigen und als sie die ersten Blicke auf das Moor werfen konnte, kam sie aus dem Staunen nicht mehr raus. "Das sieht ja aus wie in Afrika!" Wenn ich die Kälte nicht unmittelbar spüren würde, würde ich es dir sogar glauben.

Der positive Patriotismus in Estland

Alexandra am Johannistag. (Foto: Mirjam Englich)
Alexandra am Johannistag. (Foto: Mirjam Englich)

Was mich die ganze Zeit über berührte und auch heute nicht kalt lässt, ist der wunderschöne positive Patriotismus, der durch viele verschiedene Faktoren entsteht. Zum einen die Verbundenheit mit traditionellen Lebensweisen und Ritualen, zum anderen aber auch der Fortschritt und die Innovation, vor der das estnische Volk nicht die Augen verschließt. Es führte dazu, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Gefühl von Stolz auf meine Nation empfunden habe (ohne dass es in Verbindung mit dem deutschen Männerfußball stand), die Hymne mitsang, begeistert klatschte, bis ich feststellte: Stopp mal, das ist ja eigentlich gar nicht mein Land. 

Ja, vielleicht ist es das eigentlich nicht. Aber in dem Moment war es das, in den 22 Monaten, war es das. – Mein Land. Mein Tartu. Mein Tartu Katoliku Hariduskeskus. Mein Praktikum im Norden.

 

Danke für alles und

"Heute ist nicht aller Tage, ich komm wieder, keine Frage!" – Der rosarote Panther

 

 Alex

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