Von einem, der auszog, um den Kulturschock kennenzulernen...

Der Blick aus dem neuen WG-Zimmer, das für Anna ein neues Zuhause geworden ist.
Der Blick aus dem neuen WG-Zimmer, das für Anna ein neues Zuhause geworden ist.

… und feststellen musste, dass es doch nicht ganz so einfach war. Aber der Reihe nach.

Wenn ich mich an unser Vorbereitungsseminar im letzten Sommer erinnere, fallen mir direkt zwei Dinge ein: Die Sache mit den Kreditkarten und die mit dem Kulturschock.

Versicherung, Einreisebestimmungen und was für Steckdosen es im Praktikumsland gibt – alles nicht so wichtig wie der Kreditkartenantrag zum einen und angemessener Respekt vor dem Kulturschock und seinem Bruder, dem "Reverse Culture Shock", zum anderen. Diese letzteren beiden würden uns das Ankommen im Ausland schwer machen, unsere Rückkehr nach Deutschland auch. Außerdem waren sie schuld daran, dass man lieber nicht über Weihnachten die Familie besuchen sollte.

Übernutzung der Kreditkarte

Jetzt bin ich schon seit fünf Monaten in Lettland, und ich glaube, ohne meine Kreditkarte könnte ich nicht leben. Seit ich hier wohne, musste ich zum Beispiel erst einmal zum Geldautomaten. Wenn die normale EC-Karte an der Supermarktkasse mal wieder streikt, geht immer noch die Mastercard. Du willst dir The Breakfast Club ansehen? Kreditkarte. Online Zugtickets kaufen? Ihr kennt die Antwort. Dass so eine Kreditkarte leider auch ein Limit hat, hat sicher auch der Eine oder Andere schon feststellen müssen.

Doch kein Kulturschock?!

Auch typisch lettisch: Geschirr wird unter fließendem Wasser gespült.
Auch typisch lettisch: Geschirr wird unter fließendem Wasser gespült.

Der Kulturschock dagegen lässt auf sich warten. Immer noch. Inzwischen bin ich überzeugt, dass wir uns auf dem Weg in die Routine verpasst haben.

Vielleicht hatte ich die falschen Erwartungen. Vielleicht hätte ich mich bewusster auf kulturelle Unterschiede konzentrieren sollen, statt mich einfach daran zu gewöhnen. Versteht mich nicht falsch, ich bin sehr zufrieden damit, wie ich mein Praktikum bisher verbracht habe. Nur als "kulturgeschockt" würde ich mich nicht beschreiben.

 

Wenn man zum ersten Mal umzieht, im Ausland lebt, sich vernünftige Arbeitszeiten ausdenken und die passenden Busverbindungen finden muss, und das alles auch noch gleichzeitig, bleibt einfach keine Zeit, um über die lettische Kultur nachzudenken. Falls man sich doch mal wundert, werden die Kollegen kurzerhand für verrückt erklärt. Manchmal sogar zu Recht. Und wenn man dann endlich etwas entwickelt hat, was sich mit viel Fantasie als Alltagsroutine bezeichnen lässt, hat man sich so nebenher auch schon an Lettland gewöhnt.

Umso härter wird mich wahrscheinlich nach dem Praktikum der "Reverse Culture Shock" treffen. Zu meiner Vorstellung vom Erwachsenenleben gehören jetzt eben die Salate vom Rimi (lettische Supermarktkette), die Packung Selga-Kekse (lettische Keksmarke) auf dem Schreibtisch und die schwarze Johannisbeere, die einem überall ins Gesicht springt. Das ist kein Witz – schwarze Johannisbeeren, also "Black Currant", findet man in jeder Abteilung im Supermarkt, bei den Energieriegeln, in gefühlt der Hälfte der alkoholischen Getränke, einfach überall. Es gibt sogar Black Currant Fisherman‘s Friends, die ich mir ganz umsonst aus Deutschland mitgebracht habe.

Deutsche Produkte in jedem Narvesen-Kiosk

Müllermilch, Fisherman‘s Friends und Haribo – nur drei der Dinge, von denen sich die Baltikanten nicht verabschieden müssen.
Müllermilch, Fisherman‘s Friends und Haribo – nur drei der Dinge, von denen sich die Baltikanten nicht verabschieden müssen.

Und die sind bei Weitem nicht das Einzige, was euch hier bekannt vorkommen wird: Im Supermarkt findet man zwar durchaus typisch lettische Produkte wie Krējums (dazu später mehr), aber auch fast alles, was es in Deutschland gibt. Vor unserer Abreise haben meine Kollegen und ich uns einmal darüber unterhalten, dass es in Lettland nichts von Haribo geben wird – viel falscher hätten wir gar nicht liegen können. Jeder winzige Narvesen-Kiosk an der Bushaltestelle verkauft mindestens eine Sorte Haribo, genauso der kleine Supermarkt an der Ecke, und im Einkaufszentrum bekommt man sowieso alles. Außerdem kann ich ohne Übertreibung behaupten, dass ich in diesem halben Jahr in Lettland mehr Müllermilch getrunken habe als in den letzten zwei Jahren in Deutschland.

Aber nicht nur beim Essen, auch überall sonst halten sich die kulturellen Schwierigkeiten in Grenzen. Ich würde sogar behaupten, dass es zwischen mir und den deutschen Kollegen manchmal größere Differenzen gibt als zwischen uns und den Letten. Und meiner Meinung nach liegt das nicht nur daran, dass ich mich angepasst habe – äußerlich hab ich mir einen Pony geschnitten, innerlich sind mir keine großartigen Veränderungen aufgefallen. Könnte schlimmer sein.

Fazit

Links: vor dem Praktikum, rechts: nach der Arbeit in der Kleiderkammer.
Links: vor dem Praktikum, rechts: nach der Arbeit in der Kleiderkammer.

Sicher, wegen meiner Arbeit in der Kleiderkammer falte ich Kleidung jetzt anders als vorher, und wer erst in Lettland das (Kaffee-)Trinken gelernt hat, wird sich in einem anderen Land erfahrungsgemäß eher schwer tun. Wenn ich ohne Plan einkaufen gehe, wird am Ende definitiv ein Becher Krējums (also saure Sahne) im Korb liegen, und dass das billigste Haarfärbemittel ein russisches Produkt ist, ist ganz normal. Vermutlich werde ich mich wundern, wenn an einer Bushaltestelle mal nicht zuverlässig leere Cēsu-Bierdosen und Balsamflaschen liegen, sondern… ja, was für Müll liegt eigentlich auf deutschen Straßen? Ich weiß es gar nicht mehr.

Tatsächlich hat unser kurzer Besuch in Schweden und Norwegen schon ausgereicht, um mir zu zeigen, wie sehr mein Praktikumsland mittlerweile auf mich abgefärbt ist. Und spätestens diese Erfahrung beweist doch, dass es den Kulturschock bei der Anreise manchmal gar nicht braucht. Denn wenn ich zurück in Deutschland bin und meine Familie mich für verrückt hält, weil ich nach Krējums zum Nachtisch frage und nichts von Kaffeemaschinen halte, weiß ich: Ich hab alles richtig gemacht.

Anna S.

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