
Gibt es etwas Schöneres, als morgens um 9 Uhr die warme und zugleich geruchsintensive Luft des Staubsaugers ins Gesicht geblasen zu bekommen - ich denke nicht. Wenn ihr auch so eine tolle Morgenbegrüßung erleben wollt, dann auf nach Turku ins Gästehaus der Birgittenschwestern.
Zusammen mit meiner Mitpraktikantin Siri habe ich dort meine 10 Monate in Finnland verbracht; in einem Land, welches dir wunderschöne Natur, Landschaften und sehr gelassene Menschen bietet.
Alltag in Finnland

Mein Arbeitsalltag bestand daraus, dass ich halb Neun aufstand und zusammen mit Siri gefrühstückt habe, bevor wir beide getrennt wurden. Es gab ein 2-Wochen-System: Ich unterstützte die Schwestern im Gästehaus, wo ich die Betten erst ab- und dann wieder frisch bezogen habe, in den Zimmern anschließend Staub wischte und zuletzt staubsaugte, dazu kam oftmals noch das Wischen der Flure und Treppen. Wenn all diese Aufgaben erledigt waren, half man in der Küche bei der Zubereitung des Mittagessens weiter. Nach 2 Wochen wurde dann gewechselt: Zuerst räumte ich das Frühstücksbuffet ab, half beim Abwasch des ganzen Geschirrs und unterstützte die Schwestern beim Bügeln der vielen Bettwäsche, Saugen und Wischen von großen Sälen, Zusammenfalten der gewaschenen Wäsche, oder meiner Lieblingsbeschäftigung - dem Ausräumen und Auswischen sämtlicher Küchen- und Vorratsschränke. Nach dem Mittagessen ging es um 13 Uhr weiter mit all den hauswirtschaftlichen Aufgaben, meistens endete die Arbeit jedoch gegen halb Drei. Freizeit war nun angesagt.
Verliebt in Ruissalo

Die viele Freizeit nutze ich vor allem für längere Spaziergänge in und um Turku, erkundete die finnischen Wälder und Inseln, egal ob allein oder zu zweit. Die Insel Ruissalo hat es mir dabei sehr angetan. Innerhalb von 20 Minuten erreichte ich dort mit dem Bus das Meer, den Botanischen Garten oder einfach schöne ruhige Wanderwege. Zudem habe ich das Stricken für mich entdeckt, perfekt für die vielen langen Wintertage und dann noch das Gefühl, wenn ich endlich meinen fertigen Pullover in den Händen hielt... Natürlich sind Siri und ich nachmittags gerne einfach durch die Stadt geschlendert und haben die Second-Hand Läden unsicher gemacht. Freitagabend spielten wir zudem mit Ukrainern in einer lustigen Runde Volleyball und starteten mit Energie ins Wochenende.
Eine neue Erfahrung

Ab März bekamen wir eine weitere Einsatzstelle in einem Altenpflegezentrum dazu, welche uns mehr Abwechslung im Arbeitsalltag bieten sollte. Jeden Mittwoch unterstützten Siri und ich die Pfleger in der Betreuung der Bewohner, sprich beim Essen oder der Freizeitgestaltung (Spaziergänge, einfache Spiele spielen, Fingernägel lackieren, usw.), jedoch auf getrennten Fluren. Doch hier war die Sprachbarriere anfangs sehr hoch und hinzukam, dass ich leider einen großen Teil der Zeit ohne Aufgaben in der Ecke stand und nicht wusste, wie ich mir die Zeit vertreiben sollte. Da war es ehrlicherweise eine kleine Erlösung, wenn es 17 Uhr schlug.
Huhn oder Küche? Kommunikation mit Händen und Füßen

In den 10 Monaten in Finnland hatte ich mir vorgenommen sowohl soziale Kontakte zu knüpfen als auch die sehr schwierige Sprache zu lernen. Beides Punkte die ich mir etwas anders vorgestellt hatte. Mir war anfangs nicht ganz bewusst, wie viel Energie hinter dem Kennenlernen neuer Menschen im Ausland steckt, weshalb ich später kein Problem darin sah, keine wirklich guten Freunde in Turku gefunden zu haben - immerhin konnte ich ja alles gemeinsam mit Siri erleben.
Zusammen gingen wir außerdem 2x wöchentlich zum Sprachkurs. Dort lernten wir, wenn für mich auch etwas langsam, die Grundlagen der Grammatik und viele Vokabeln sowie Phrasen. Das einzig gute am Finnischen ist, dass alles genauso ausgesprochen wird, wie es geschrieben wird, denn abgesehen davon, bleibt es eine große Herausforderung. Da bin ich ehrlicherweise etwas neidisch, dass die Freiwilligen in Schweden oder Norwegen die Sprache fließend beherrschen und ich "nur" das A2-Niveau besitze. Abgesehen davon kann in Finnland so ziemlich jede Person, egal ob jung oder alt, Englisch. Daher war die Kommunikation, bspw. mit den Schwestern, meistens einfach und zur Not half man sich mit Händen und Füßen aus.
Eine lustige Situation, die mir dabei in den Sinn gerät ist, als eine der Schwestern Siri und mir sagen wollte, wo wir etwas finden sollten und sie nur meinte "chicken". Das kam unerwartet und wir mussten lachen, bis wir schließlich herausfanden, wir sollen in der "kitchen" nachschauen.
Stille Post bei den Schwestern und die Suche nach der Sonne
Natürlich gab es aber auch Herausforderungen während den 10 Monaten, jedoch ganz normal sind. Beispielsweise lief die Kommunikation der Schwestern untereinander nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Anstatt gemeinsam Aufgaben zu überlegen oder zu verteilen, Änderungen, Urlaubstage bzw. Besuche miteinander zu besprechen, so dass am Ende nicht Jede einem etwas anderes sagt und falsche Daten mitgeteilt werden, war oft Chaos angesagt. Ständig mussten wir uns wiederholen, damit auch die letzte Schwester bescheid wusste, was nun Sache ist.
Abgesehen von solchen Schwierigkeiten drückten mir ab einem gewissen Grad die langen dunklen Wintertage etwas aufs Gemüt. Zwar habe ich mich gezwungen jeden Tag spazieren zu gehen, um frische Luft schnappen zu können und um mich zu bewegen, aber die Sonne (wenn sie sich überhaupt hat blicken lassen) um Drei Uhr schon verschwand, war es meistens dunkel und ungemütlich. Dafür hatte ich dann viel Zeit und einen guten Grund, um in die ganzen bunten Läden zu schnuppern, gemeinsam mit Siri Serien zu schauen und dabei zu Stricken.
Gepäckstücke für die Zukunft: Was nehme ich mit?

In den 10 Monaten habe ich außerdem viel über mich selber erfahren und sowohl meine Stärken, als auch meine Schwächen besser kennengelernt. Ich bin bereit Wanderungen oder ähnliches auch alleine zu machen, wenn meine Mitpraktikantin im Moment dafür eher weniger Lust hat, wodurch ich viele neue Orte entdeckt habe. Außerdem habe ich gerne die Planung für Ausflüge und Aktivitäten übernommen und dabei immer darauf geachtet, dass es für jede von uns beiden passt. Generell habe ich gelernt mit schwierigen Situationen besser umzugehen und mir dabei keinen allzu großen Kopf zu machen. Auch bin ich stolz drauf, dass ich mich in den dunklen Wintertagen nicht unterkriegen lassen hab und trotz der Ungemütlichkeit spazieren ging, also nie die Motivation verlor.
Woran ich jedoch gerne arbeiten möchte ist, dass ich offener bzw. gesprächiger gegenüber fremden Menschen sein möchte und mich nicht zu sehr zurückhalte. Auch, dass ich klarer Grenzen kommuniziere und nicht alles so wie es ist annehme, obgleich es dadurch weniger Aufwand oder Diskussion für mich bedeutet.
Mit gesegneten Rucksäcken zur Trolltunga

Ein Erlebnis, welches mir für immer in Erinnerung bleiben wird, ist unser Norwegen-Urlaub im späten Frühling, genauer gesagt die Vorbereitung und anschließende Wanderung zu Neunt zur Trolltunga. Den Tag zuvor wurde ausführlich die Schneekarten des norwegischen Wetterdienstes studiert, Schlafsäcke und Isomatten besorgt, für das leibliche Wohl eingekauft und Rucksäcke gepackt, bevor sie zu guter Letzt mit heiligen Wasser aus Lourdes gesegnet wurden.
Nach einer langen Autofahrt waren wir nun am Parkplatz angekommen und sprudelten voller Abenteuerlust. Doch gleich zu Beginn hatten es die langen und vor allem steilen Serpentinen in sich und ich kam unerwartet an meine körperlichen Grenze. Nach 14 Kilometern über Stock und Stein, Schneefeldern sowie 1100 Höhenmetern waren wir endlich am Ziel angekommen und genossen den weiten Blick über die wunderschöne Landschaft, während wir am Ende des Felsvorsprungs lagen. Gestärkt und mit einem Zelt über unseren Köpfen ging es dann schlafen, nicht wissend, was für ein starker Sturm und Regen uns in der kurzen Nacht heimsuchen wird.
Acht Uhr war Abmarsch angesagt - im strömenden Regen ging es die vier Stunden wieder zurück zum Parkplatz. Zum Glück kam zum Ende die Sonne raus und mit Blasen an den Füßen sowie Wasser in den Wanderschuhen erreichten wir das warme Auto. Voller schöner Erinnerungen sprangen wir einer nach dem Anderen zurück zu Hause in Bergen unter die heiße Dusche und ließen den Tag in Ruhe ausklingen.
Meine Erfahrungen mit der Kirche in Finnland

Die katholische Kirche in Finnland ist sehr international und hat viele junge Anhänger. Nach dem Sonntagsgottesdienst kommen alle bei Kaffee und Kuchen zusammen und tauschen sich über die neuesten Ereignisse aus. Was mich sehr überrascht hat, ist das ausgerechnet die Jugend eine sehr konservative Einstellung vertritt. Siri und ich waren ganz am Anfang mal bei einem gemeinsamen Essen nach dem Gottesdienst dabei, wo über die traditionellen Geschlechterrollen und Homosexualität diskutiert wurde, in einem Rahmen, mit dem wir uns nicht identifizieren. Seit diesem Zeitpunkt besuchten wir die englische Messe und distanzierten uns von der Jugendgruppe.
Für uns wurde es mit der Zeit immer normaler, dass wir Schilder des Bonifatiuswerkes an den Wänden der katholischen Kirche oder Einrichtungen sahen. Die Menschen dort wissen dies zu schätzen und auch die gelben Bonibusse hat man immer wieder bei verschiedenen Treffen entdecken können. Jedoch haben wir auch festgestellt, dass mehr Kirchen in den Großstädten gebaut werden müssen, da sie bei Gottesdiensten sehr gut gefüllt und an Festtagen überfüllt sind, so dass die Menschen die Messe von draußen aus verfolgen müssen.
Ich muss sagen, dass mich das "Praktikum im Norden" nicht in meiner Studienwahl beeinflusst hat, da mir vor meiner Ausreise schon klar war, dass ich gerne Umweltwissenschaften studieren möchte. Ich bin ehrlich, ich weiß jetzt aber in welche Bereiche ich später nicht gehen möchte. Dafür hat es mir an manchen Stellen gezeigt, in was für einem privilegierten Land ich aufwachsen durfte und dass uns das allen bewusster sein sollte.
Die Perle bleibt, aber ein Teil von ihr geht mit mir

Am meisten aus meiner Zeit in Finnland vermisse ich die wunderschöne Natur, das Leitungswasser sowie das Zusammenleben- und arbeiten mit Siri. Nach der Arbeit einfach schnell raus ans Meer fahren oder es sich mit Snacks und Tee bei einander gemütlich machen um zu quatschen, alles, was jetzt nicht mehr selbstverständlich ist.
Ich empfehle das "Praktikum im Norden" weiter, da ich dadurch sehr gute Freunde gefunden habe, viel von den unterschiedlichen Einsatzländern gesehen habe und wir zu einer starken Gemeinschaft zusammengewachsen sind, die für jeden Spaß zu haben ist. Zudem war es interessant Einblicke in die katholische Kirche Vorort zu gewinnen und zu sehen, wie in einer so internationalen Kirche das Gemeindeleben funktioniert.

















