Der Aufstieg - Tag 20

Wir standen am Mittwoch früh auf, obwohl wir so spät schlafen gegangen waren, denn wir wussten inzwischen aus Erfahrung, dass die frühen Morgenstunden die besten zu laufen sind. Pünktlich um halb Zehn verließen wir den Campingplatz, nachdem wir unsere frisch gewaschenen Klamotten angezogen hatten. Ein tolles Gefühl.
Gleich hinter der Dovre Kirche begann der Aufstieg. Es wurde steiler und steiler und schon bald konnten wir die Berge sehen auf deren Spitzen wir bald wandern würden. Doch bevor wir das Dovrefjell betraten, begegneten wir kurz hinter Dovre einer Quelle, die Sankt Olav gewidmet war und deren Wasser fantastisch gut schmeckte.
Während wir auf einer Bank neben der Quelle saßen, das Wasser tranken und uns die Gesichter wuschen, aßen wir Bixit Kekse, die wohl die besten Kekse in ganz Norwegen sind. Tatsächlich haben uns nämlich diese Haferkekse, den ganzen Weg über begleitet und gesättigt, wie es sicher keine anderen gekonnt hätten.

Frisch gestärkt begannen wir dann den schwierigen Teil des Aufstieges immer weiter den Hang hinauf, bis zu einem Tor mit einer blauen Krone. Jetzt waren wir auf dem Dovrefjell. Ein letztes Mal blickten wir in das Tal zurück und sahen, neben der wunderschönen Landschaft, leider auch die Regenwolken am gegenüberliegenden Berg, die wir besorgt betrachteten. Aber wir waren zu glücklich, um uns über schlechtes Wetter Gedanken zu machen, schließlich waren wir nach einer zwanzigtägigen Wanderung nun endlich auf dem Fjell, dass mit seiner einzigartigen Natur in jedem Fall einen der schönsten Abschnitte unseres Weges bezeichnete. So kamen wir auch nicht dazu zu klagen als es tatsächlich anfing zu regnen, sondern trotzten dem stürmischen Nass und hielten unbeeindruckt unsere Mittagspause mitten in der Wolke ab.

Wir wurden zwar nass, aber das Essen war gut und es fühlte sich toll an in Norwegen auf 1000m Höhe zu stehen, und auf das weite Land nieder zu blicken. Nach einiger Zeit lichtete sich der Himmel dann, es hörte auf zu regnen und wir konnten plötzlich sehr weit schauen. Überwältigt waren wir von all dem, was wir gelaufen waren und ihr könnt mir glauben, dass das nicht der letzte Moment war, in dem wir eben jenes Gefühl verspürten. Als wir gerade unsere Mittagspause beenden wollten, tauchte Niklas plötzlich hinter einem Hügel auf und grüßte uns. Er setzte sich zu uns und so kam es, dass wir gleich noch eine zweite Mittagspause machten. Diesmal mit unserem Deutschen Freund. Während wir so da saßen und redeten, stießen plötzlich auch noch die beiden Potsdamer zu uns und ich muss gestehen, dass wir schon lange nicht mehr so viele Deutsche an einem Ort gewesen waren.

Die zwei Potsdamer wollten aber gar nicht lange stehen bleiben und so machten sie nur schnell ein Bild von uns und Niklas, wonach sie weiter dem Olavsweg folgten. Auch Niklas ging kurz darauf weiter und nachdem wir unsere Sachen gepackt hatten, machten auch wir uns wieder auf. Wieder alleine. Ich muss sagen, dass es nach so vielen Tagen mit vielen Pilgern ein echt komisches Gefühl war wieder zu dritt zu sein. Doch wir waren schließlich nicht allein und so fielen die folgenden Kilometer nicht schwer. Außerdem waren wir ja endlich auf dem Fjell und ich könnte tatsächlich viele Seiten mit Worten des Schwärmens füllen, wenn ich euch von der Natur diesen Erdenguts erzählen müsste.

Ebenen voller...
Ebenen voller...
...Regenmoos.
...Regenmoos.

Wenn man allein schon jenes weiße Regenmoos beschaut, das die Berge umhüllt wie ein reines Kleid springt des Betrachters rotes Herz vor purer Glücklichkeit. Und auch die kleinen Bäche, die rauschend die Hänge umschnüren, geben dir ein Gefühl von Vollkommenheit und seichter Geborgenheit. Flora und Fauna sind hier anders, entsprechen nicht mehr den Gesetzten die wir kennen. Gleichwohl sieht doch so mancher Ort ganz aus wie ein fremdes Wort, dessen Bedeutung wir erst noch ergründen müssen. Bäume sehen wir schon lange nicht mehr, doch die vielen flachen Buschgewächse und die schneeweißen Gletscher entschädigen uns für den grünen Verlust. Immer weiter geht es höher und höher, Bergauf und Bergab zu einem Ort auf den wir schon lange hingearbeitet haben.

Nach einigen Stunden des Laufens erreichten wir Allmannsrøysa, einen großen Steinhaufen auf dem schon seit Generationen Pilger Steine ablegten, die sie von Zuhause mitgebracht hatten. Die Steine standen für alles Schlimme, was man erlebt oder getan hatte und für alle Lasten, die man auf den Schultern trägt. Mit dem Ablegen des Steines legt man all diese Beschwerden ab und auch ich hatte einen Stein aus Deutschland mitgebracht, um ihn an eben jenem Ort abzulegen. Wer diesen Blog schon von Anbeginn an verfolgt, wird sich noch an den kleinen Stein mit dem Engel darauf erinnern können, von dem ich in meinem allerersten Blogeintrag ein Foto geschickt habe. Dieser Engel hat uns genau bis zu diesem Punkt begleitet und während ich den Stein noch ein letztes Mal in meiner Hand wog, dachte ich an alles, was ich ablegen möchte und daran was Felicia und Felix ablegen möchten ohne genau zu wissen was es war. Dann legte ich ihn auf die Spitze des Steinturmes und wir erbaten uns von allen Lasten befreit den Reisesegen für den nächsten Abschnitt unserer Wanderung.


Die letzten sechs Kilometer des Tages waren ganz einfach. Die einzigen Schwierigkeiten bestanden darin breite, reißende Flüsse, die mindestens ein Meter tief waren auf Steinen zu überqueren. Aber sonst ging es die ganze Zeit bergab bis nach Fogstugu, dem höchstgelegensten Hof in ganz Norwegen.

Felicia mit ihrer Tante Christiane, Felix und Konrad.
Felicia mit ihrer Tante Christiane, Felix und Konrad.

Betrieben wird er von Felicias Tante Christiane und ihrem Mann Laurits Fogstugu, die sich beide als total nette Leute herausstellten. Wir hatten uns. als wir noch in Deutschland waren, mit ihnen verabredet und gesagt, dass wir eine Nacht bei ihnen bleiben würden. Nett wurden wir begrüßt und als uns Christiane das Zimmer zeigte, in dem wir übernachten würden, waren wir richtig überwältigt vor Freude, denn die Betten waren total gemütlich und wir hatten einen warmen Kamin, in dem das Feuer schon loderte. Christiane hatte uns Essen vorbereitet und so kam es, dass wir an jenem Abend selbstgemachte richtige Tomatensuppe mit richtigem Brot aßen. Thomas hielt uns dabei übrigens Tischgemeinschaft, denn er und auch die Potsdamer, waren kurz nach uns angekommen.

Ein paar Impressionen aus Fogstugu:

Das Bettenhaus in Fogstugu war voll und es war schön einmal so viele Pilger auf einmal zu sehen, gleichwohl hatten wir ja noch nicht so viele gesehen. Neben Thomas, den Potsdamern und uns waren nämlich noch viele andere Deutsche, Amerikaner und Holländer mit uns in dem Haus. Das Absolute Highlight unseres Aufenthaltes waren aber die ökumenischen Andachten in der Hofkapelle. Jeden Tag wurden diese Andachten gehalten, wobei die Texte von den Pilgern in ihrer jeweiligen Sprache gelesen wurden. Dazu wurden Gesänge aus Taizé gesungen und Gebete auf Norwegisch gesprochen. Die Stimmung war wundervoll.
Zum Abschied machten wir mit Christiane noch ein Foto und dann ging es mit Thomas am nächsten Morgen auch schon weiter in Richtung Nidaros. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass der Abschied von Fogstugu uns richtig schwer fiel, denn der Hof war wirklich schön und einer der wenigen Orte, auf dem Olavsweg, wo regelmäßig Messen abgehalten wurden.

Die Hütte in Furuhaugli.
Die Hütte in Furuhaugli.

Mit schweren Rucksäcken schafften wir es dann aber doch noch Fogstugu zu verlassen, schwer deshalb, weil uns unsere Eltern ein Fresspaket aus Deutschland zu dem Hof geschickt haben mit allen Dingen die das Herz begehrt, Wurst, Käse, Schokoriegel und so weiter. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns darüber gefreut haben.
Am Donnerstag liefen wir nur sieben Kilometer, denn wir wollten in Furuhaugli Camping einen Ruhetag machen, um uns körperlich auf die Strecke übers Dovrefjell vorzubereiten. So kam es das wir den 6. und 7. August in einer kleinen Holzhütte in Furuhaugli verbrachten und eigentlich nur schliefen und aßen. Am Donnerstag kam einige Stunden nach uns noch Tiziana vorbei, die mit uns die Nacht von Donnerstag auf Freitag verbrachte, doch während wir beschlossen noch einen weiteren Tag Pause zu machen ging sie weiter und wir verabschiedeten uns bis auf weiteres.

Felicia mit Mariel.
Felicia mit Mariel.

Am Freitagnachmittag kam dann jemand, den wir schon für verloren gehalten hatten. Mariel wollte nämlich auch auf dem Campingplatz übernachten und wir freuten uns riesig sie wieder zu sehen. Gemeinsam spielten wir Uno, ein Spiel das sie nicht kannte und wir ihr erst erklären mussten. Nie hätte ich geglaubt, dass ich mal jemandem Uno erklären muss, war dieses Spiel doch eigentlich so bekannt. Wir verbrachten einen tollen Abend und tranken Tee während wir von den Tagen erzählten, die wir nicht gemeinsam verbracht hatten.
Am nächsten Tag starten wir zu viert, ausgeruht, gestärkt, und glücklich. Ausgeruht, weil wir viel geschlafen hatten. Gestärkt, weil wir richtig gute Elchburger gegessen hatten und am Samstag sogar noch ein Frühstück bekommen hatten und glücklich, weil wir wieder laufen durften.

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