Persönliche Pilgererfahrungen von Konrad

Ihr werdet schon gemerkt haben, dass ich mit meinen Schriften etwas der Zeit hinterher hinke. Gleichwohl ist doch heute schon der 13. August und ich berichte immer noch von den Ereignissen des 30. Julis. Nun, warum ich so langsam bin, möchte ich euch sagen.
Ihr müsst wissen, dass die Zeit auf dem Pilgerweg eine ganz neue Bedeutung erhält und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass diese Bedeutung weitaus bedeutungsloser ist als die alte, aber dennoch schöner. Denn man vergisst sie, die Zeit und, wenn man die Tage nicht zählt, kann es schnell passieren, dass man den Überblick über den Kalender verliert und erst der Blick auf das Handy zeigt, welches Datum die momentane Zeit definiert.
So kam es, dass wir einmal unbedingt einkaufen wollten, weil wir kaum noch Essen hatten und dazu schnellst möglich in die nächst größere Stadt gingen. Doch als wir vor dem kleinen Supermarkt standen, hatte dieser geschlossen. Wenig später fanden wir heraus, dass Sonntag war und natürlich alle Läden geschlossen waren.
Zu diesen Missgeschicken kommt es häufiger, wenn man so viel wandert und sie lassen dich auf irgendeine Art und Weise zur Ruhe kommen, denn sie geben dir das Gefühl, dass du alle Zeit der Welt hast und die Tage gar nicht zählen brauchst. Du musst nur laufen, essen, schlafen.
Diese Tatsache macht dich unheimlich frei, denn du kannst den Alltagsstress vergessen und dir Zeit für dich nehmen, was unglaublich wichtig ist, wie ich gemerkt habe. An dieser Stelle muss ich auch sagen, dass ich den Spruch, der hinten auf unserem Pilgerführer steht: „Pilgern ist immer auch ein Weg nach innen“, erst nicht verstanden habe, denn ich glaubte, dass man viel Übung und mehr Zeit als fünf Wochen braucht, um in sich selbst hinein zu fühlen und dann auch etwas zu verstehen, von dem, was man fühlt. Doch ich sollte schon bald merken, dass der Spruch wahrer ist, als so manch anderer. Denn ich beginne über Dinge nachzudenken von denen ich vorher gar nicht wusste, dass man über sie nachdenken kann und, dass es solch Gedankengut in meinem Kopf überhaupt gibt. Tatsächlich nutzt der Kopf die langen Strecken, um zu sortieren und über Entscheidungen nachzudenken. Ein Privileg, dass man während des alltäglichen Stresses nur oberflächlich würde ausführen können, da wohl den meisten unter uns die Zeit und die Geduld fehlen würde.
Doch wenn du so lange durch die freie Natur läufst und merkst, wie gut es dir doch geht, legst du schon bald allen Kummer und alle Sorgen ab und konzentrierst dich einmal nur auf dich. Und dann? Dann lernst du deine guten Seiten schätzen und weißt, welche dieser Seiten du in letzter Zeit vernachlässigt hast und wieder ausbauen musst.
Gleichsam erkennst du aber auch deine Fehler und merkst, was du ändern musst, wenn du zurück kommst oder bei wem du dich entschuldigen musst, für etwas, dass du vielleicht im ersten Moment für gar keine Missetat gehalten hast, von dem du aber während des Laufens merkst, dass es denjenigen gekränkt haben könnte. Hier möchte ich jetzt keine konkreten Namen nennen, aber ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass es für mich da einige Leute gibt, die eine Entschuldigung verdient hätten und wo ich glaube, dass ich inzwischen genügend Kraft gesammelt habe, um sie ihnen zu geben.
Denn das ist ein weiterer Punkt der ganz wichtig ist. Du schöpfst Kraft aus dem Laufen. Sicher auch körperliche, aber vor allem seelische Kraft, die es dir ermöglicht, von deinem inneren Ego Abstand zu nehmen und an deine Mitmenschen zu denken und zu erkennen was für sie wichtig ist. „Es geht um das Leben der Anderen“, hat mein Klassenlehrer Herr Blanas einmal gesagt und ich glaube, dass es ganz wichtig ist, diesen Spruch im Hinterkopf zu behalten, denn Nächstenliebe ist etwas, das du während unglaublich langer Sonntagmorgen-Predigten in der Kirche bestimmt das ein oder andere Mal für langweilig oder sogar "durchgekaut" gehalten hast, von dem du aber auf einer Pilgerreise verstehst, wie wichtig sie ist, um ein angenehmes und schönes Leben zu führen, dass nicht nur für dich, sondern auch für die anderen ein eben solches ist.
Ihr merkt, dass man viel denkt und viel Zeit für sich braucht, wenn man auf eine solche Reise geht und ich hoffe, dass ihr nun auch versteht, warum ich an manchen Tagen nicht so viel schreibe und warum die Texte der Zeit soweit zurückliegen.
Ich verabschiede mich bis auf weiteres mit dem Versprechen schnellst möglich die nächsten Reiseberichte zu schreiben.


Alles Liebe aus Norwegen,
Konrad

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Volker (Donnerstag, 13 August 2015 15:32)

    Liebe Felicia, lieber Konrad, lieber Felix.
    Eure blog-Einträge sorgen stets für freudige Erregung oder lösen Begeisterung aus. Es ist gleichzeitig schön, zu erfahren wie es Euch geht und was ihr gerade aufregendes erlebt und beruhigend zu wissen, dass trotz geschlossener Läden (weil euch einfällt, am Sonntag einkaufen zu gehen), offenbar noch keine(r) verhungert ist...
    Ich wünsche Euch weiter so unterstützende Begegnungen und freundschaftliche Kontakte, wie ihr sie uns in Eurer Pilgerpost schildert.
    Möge die Strasse uns zusammen führen und der Wind in Eurem Rücken sein...
    Alles Liebe und gute Wünsche auf dem Weg
    Volker (und Johanni und Lauri, die pausenlos nerven)

  • #2

    Gyburg (Donnerstag, 13 August 2015 16:04)

    Na, vielleicht kann Konrad seine Brüder das nächste Mal mitnehmen. :-))

    Alles ist sehr spannend zu lesen! Ich schaue jeden Tag nach, ob es Neues gibt! Ich wünsche Euch weiterhin Bewahrung und gute Erfahrungen!

  • #3

    Dorothea (Donnerstag, 13 August 2015 18:37)

    Lieber Konrad,
    Dein Pilgerbericht lässt mich auch staunen. Du bist auf Deiner Pilgerreise und lässt Dich von Gottes gutem Geist ansprechen. Danke auch Dir für Deinen sehr persönlichen Pilgerbericht. Ich bete weiter für Dich und Euch! Habt weiter.so eine gute Zeit miteinander und mit anderen!
    Danke für Deine Reiseberichte!

  • #4

    Moni (Freitag, 14 August 2015 15:56)

    Lieber Konrad, liebe Felicia, lieber Felix,
    Eure persönlichen Pilgerberichte sind einfach wunderbar und veranlassen mich darüber
    nachzudenken, vielleicht selbst einmal zu pilgern.....
    Deine Reiseberichte lieber Konrad werden mir fehlen, denn sie lesen sich genauso spannend
    wie ein tolles Buch. Schade, dass Eure gemeinsame Zeit bald vorbei ist.
    Alles Gute weiterhin
    Moni

  • #5

    Beate (Sonntag, 16 August 2015 16:51)

    Lieber Konrad,

    auch ich verfolge eure Berichte mit großer Freude und Begeisterung. Man bekommt wirklich Lust sich selbst auf die Socken zu machen, leider haben wir nicht so viel Zeit zur Verfügung. Deshalb genießt eure Reise in vollen Zügen und ich wünsche euch noch einige schöne Begegnungen und Erlebnisse. Viele Grüße, auch an deine Pilgerfreunde, von Beate

  • #6

    Judith Voce (Montag, 17 August 2015 11:32)

    Lieber Konrad,
    daß Du mit dem Blogg zeitlich hinterherhinkst (und der Abstand auch immer größer wird), kann ich vollkommen verstehen. Wenn ich an meine Wanderung zurückdenke, so waren die Tage vollkommen ausgefüllt mit dem Tagesgeschäft des Draußen-Überlebens und daneben ... tja, eben mit Wandern, da war ich am Abend vollkommen k.o. und nur noch ins Zelt gefallen. Wie ich da einen Blogg hätte hinkriegen sollen, wäre mir vollkommen schleierhaft. Und ja, es stimmt, die Zeit nivelliert sich umso mehr, je länger man unterwegs ist. Also - Hut ab vor Deinen Leistungen!
    (Euer letzter aktueller Bloggeintrag endet übrigens genau dort, wo meine Tour endete: Bei dem Plumpsklo, Wasserhahn und Übernachtungshäuschen im Wald - im Gudbrandstal Höhe Tretten, wenn ich mich recht erinnere ...)
    Liebe Grüße und Gottes Segen, auch für die Heimreise (inzwischen dürftet Ihr in Nidaros angekommen sein?)
    Judith

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