Und das Gepäck schwer gefüllt mit Dankbarkeit und ner‘ Millionen Erinnerungen

Catalina mit Pauline beim letzten gemeinsamen Spaziergang durch Gamla Stan
Catalina mit Pauline beim letzten gemeinsamen Spaziergang durch Gamla Stan

„Du hast so hohe Erwartungen an dein Schwedenjahr, ich hab Angst, dass du am Ende traurig und enttäuscht zurück kommst, weil es eben doch nicht so einfach und so toll wird, wie du es dir ausmalst.“, sagte ein guter Freund vor meiner Abreise zu mir. Jetzt, ein Jahr später, kann ich sagen: Ja, meine Erwartungen und meine Vorfreude waren unsagbar groß. Aber sie wurden meilenweit übertroffen – in allem.

Knapp ein Jahr lang habe ich jetzt in der schönsten Stadt der Welt (minikleine Entschuldigung geht an dieser Stelle raus an meine Uppsala-Mädels, aber insgeheim wisst ihr, dass ich Recht habe) gelebt, mit so vielfältigen Arbeitsstellen und -aufgaben. Habe eine neue Sprache gelernt und viele neue Kontakte geknüpft mit Menschen aus der ganzen Welt. Habe meinen Horizont erweitert, auch theologisch neue Perspektiven wertzuschätzen gelernt und bin an jedem Tag ein kleines bisschen reicher an Erfahrungen ins Bett gegangen. Aber fangen wir von vorne an.

Mit fünf Einsatzstellen in allen Bistumsbereichen unterwegs

Catalina beim Briefezählen bei der KPN
Catalina beim Briefezählen bei der KPN

Rund fünf Einsatzstellen haben mich dieses Jahr begleitet – eine unterschiedlicher als die andere. Die „kleinste“ war dabei meine Unterstützung für das Katolska Pedagogiska Nämnden (Katechetisches Amt). Dort habe ich je nach Bedarf geholfen bei der Vorbereitung des Franziskus Dagen im Oktober, bei der Verschickung des jährlichen Newsletters oder bei der Inventur – bei letzterem haben Pauline und ich sehr effektiv sehr schnell sehr hoch zählen gelernt; wer weiß wozu das nochmal gut sein wird.

Mein Eugenia-Tag

Sonntags war immer mein Eugenia-Tag. Angefangen beim sonntäglichen Messbesuch, wobei ich mich durch die vier Messangebote durchprobiert habe (Frühaufstehermesse um 8 Uhr, Kindermesse um 9.30 Uhr, Hochamt um 11 Uhr, englische Messe um 18 Uhr) ging es weiter mit der Unterrichtung meiner Katecheseklasse zur Vorbereitung auf die Firmung. Das hat nach anfänglicher Unsicherheit, weil ich dabei ohne Vorgaben komplett auf mich allein gestellt war, echt Spaß gemacht und ich hab „meine Kinder“ richtig lieben gelernt. Der Firmgottesdienst Ende Mai war dann trotz Corona-Umständen für mich etwas Besonderes. Nach der englischen Messe waren dann sonntagsabends immer die Treffen unserer Studierendengruppe, die ich gemeinsam mit Pater Thomas durchgeführt habe. Neben der Vorbereitung des Abendessens und dem anschließenden Aufräumen war ich dort Kontaktperson und Begrüßungskomitee. Dabei sind viele Teilnehmer*innen nicht nur fleißige Helferlein und Essensvernichter*innen gewesen, sondern zu Freund*innen geworden, die auch neben meinen Praktikumsaufgaben meine Zeit in Schweden mit guten Gesprächen und gemeinsamen Ausflügen bereichert haben.

Die Haupteinsatzbereiche Buchladen und Caritas

Catalina im Katholischen Buchladen in Stockholm
Catalina im Katholischen Buchladen in Stockholm

Zu diesen kleineren drei Aufgabenfeldern kamen dann mit dem Katholischen Buchladen und meiner Arbeit bei dem Caritasprojekt Mötesplats meine zwei Haupteinsatzorte hinzu. Der Buchladen, untergebracht unten im Haus mit einem kurzen Arbeitsweg von fünf Stockwerken Richtung Erdgeschoss, ist dabei all die Monate Wohlfühl-Einsatzstelle und Schwedisch-Lern-Camp gewesen. Hier gab es immer was zu Lachen, immer gute Laune und Freude – trotz Weihnachtsstress oder Coronafrustration. Unser kleines vollgestelltes Lädchen ist dabei für die katholische Welt in Schweden so viel mehr als Buch- und Devotionalienversorgerstelle. Er ist Treffpunkt für alle Katholik*innen, er ist Ort für Gespräch und Austausch. Und während ich dort in meinen 11,5 Monaten gefühlt jede*n Katholik*in in ganz Schweden einmal gesehen habe, weil niemand in der kleinen katholischen Welt daran vorbei kommt, habe ich neben wertvollen Grundkenntnissen in der Bedienung des Kassensystems oder dem Durchführen des Tagesabschlusses, auch nirgendwo so gut und schnell Schwedisch gelernt wie dort. Und dank energischem Kollegium, das Raum zum Ausprobieren im Schwedischen, für meinen ersten richtigen schwedischen Satz, für erste Übungen mit den (komplizierten und absolut unlogisch verwendeten) Präpositionen und für viele Fehler bot, kann ich jetzt nach einem Jahr stolz wie Bolle sagen, dass ich mich in so gut wie jeder Alltagssituation und in mancher gesellschaftlicher und theologischer Diskussion problem- und angstfrei auf Schwedisch behaupten kann. Der Arbeit im Buchladen sei Dank.

Zwischen Salsastunden und Caritas-Chaos

Meine zweite Haupteinsatzstelle, das Caritasprojekt Mötesplats, war dabei so ganz anders. Dieser Treffpunkt für Flüchtlinge, Migrant*innen, Asylsuchende und Neuankömmlinge bietet neben kostenlosen Schwedischkursen auf unterschiedlichen Niveaus, Frühstück, juristischem Rat und Unterstützung, kleiner Kleiderkammer und Lebensmittelgrundversorgung eine zweite Familie und vielleicht auch ein Stück Heimat für viele Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern einen Neustart in Schweden wagen.

Frühstückstisch bei der Caritas
Frühstückstisch bei der Caritas

Gemeinsam mit Pauline war ich dort für die Vorbereitung des Frühstücks zuständig und für die Planung von Nachmittags-aktivitäten. So haben wir innerhalb des Jahres nicht nur Weihnachten und Lucia, sondern auch den Weltfrauentag oder den Valentinstag gefeiert, waren im Nationalmuseum und im Museum für Naturkunde. Wir haben Kuchen gebacken wie die Weltmeisterinnen, haben Kinder bespaßt und Essen gekocht für 30 Personen, haben Tränen getrocknet so gut es ging und erste Worte Kurdisch gelernt. Irgendwas war immer – sei es der spontane Salsatanznachmittag, unbändige Freude über neu gekaufte Tischdecken oder unsere Ausrede bei leicht matschigem oder verbranntem Kuchen „der ist nach deutschem Rezept“ (das sorgte immer für Begeisterungs-stürme).

Dabei haben wir Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt, Freundschaften geknüpft und verdammt viel Freude und Spaß gehabt. Das von uns so geliebte „Caritas-Chaos“ (ich sag ja, irgendwas war immer) ist dabei von uns jeden Tag ein bisschen mehr lieb gewonnen worden. Eine der schönsten Erinnerungen meines Jahres ist dabei unsere Weihnachtsfeier, wo bei der Verteilung von Geschenken und dem Besuch von Bischof Anders so einige Freudentränen und Unbeschwertheit den Tag gefüllt haben.

 

Doch neben viel Freude, strahlenden Gesichtern und erfolgreichen Ausflügen, hat uns beide die Arbeit auch noch auf andere Weise geprägt. Bei der Mutter mit den 3 Kindern zwischen 8 und 12 Jahren, vor vielen Jahren aus Gambia geflohen und in Schweden vom Mann verlassen, die weinend erzählte, dass sie nun abgeschoben werden sollen oder bei der jungen alleinerziehenden Mutter aus Eritrea mit der vierjährigen Tochter, die uns immer durch das ganze Lokal jagte und dabei jauchzte – im verzweifelten Versuch ihre Mutter wieder aufzuheitern, die nach Krisengesprächen mit George und Marie, den das Projekt Leitenden, mit verweinten Augen aus dem Büro wieder raus kam, hat mir die Arbeit bei der Caritas vor allem eins gezeigt: Dankbarkeit. Unendliche Dankbarkeit in den Augen derjenigen, die wenig haben, um dankbar zu sein. Unendliche Dankbarkeit im Leben von Menschen, deren Geschichten Pauline und mich um ein wenig unserer Gutgläubigkeit und Naivität gebracht haben. Unendliche Dankbarkeit aber auch bei uns beiden kleinen deutschen Praktikantinnen, die bei der Arbeit bei der Caritas unsagbar viel gelernt haben. In keiner meiner anderen Aufgaben bin ich so oft an meine Grenzen gekommen, an keiner anderen bin ich so gewachsen.

Marie, Catalina, George und Pauline beim Sommerfest des Bischofsbüros
Marie, Catalina, George und Pauline beim Sommerfest des Bischofsbüros

Großer Dank geht dabei an alle anderen Voluntär*innen und an George und Marie, die uns freie Hand gelassen haben. Die uns Raum gegeben haben, den Mötesplats auf eigene Weise mit Leben und Liebe zu füllen und die uns nie daran haben zweifeln lassen, dass wir richtig und gut so sind wie wir sind und dass unsere Arbeit einen Wert hat, der nicht auszudrücken ist. Und trotz Trauer und Frust über so manchen hoffnungslosen Asylfall, über die Erkenntnis, dass es unbeschreibliche Ungerechtigkeiten und Ungleichheit auf dieser Welt gibt, empfinden wir – ich glaube da spreche ich auch für Pauline – für wenig anderes so viel Freude und Wertschätzung wie für unsere Tage beim Mötesplats.

Leben mitten im Zentrum der schwedischen katholischen Kirche

Zwischen all diesen vielfältigen Aufgaben und Einsatzorten war mir dabei St. Eugenia geschätzte Basis und Rückzugsort. Mal abgesehen davon, dass ich mich in meinem hohen Zimmer mit den warmen Holzbalken und der großen Fensterfront sehr wohl gefühlt habe und der ständige Trubel auf dem Kirchplatz stets für Freude sorgte, werde ich in meinem Leben wohl kaum nochmal besser wohnen. Mitten in der Hauptstadt Schwedens – meines Erachtens definitiv eine der schönsten Städte Europas und ein paar kenne ich nun doch schon – im Zentrum der Innenstadt, wenige Schritte zur Altstadt, wenige Schritte zum Wasser und alles fußläufig erreichbar, gab es wohl keinen besseren Ort, um Land und Stadt kennen- und schnell lieben zu lernen.

Ich als exzessive Spaziergängerin habe so von meinem Wohnort aus in stundenlangen Spaziergängen oder Joggingrunden in zumeist hervorragender Gesellschaft (du weißt, dass du gemeint bist – liebe Grüße an dieser Stelle) mit Fliederduft und Wellpappe-farbenen Häusern schnell Orientierung bekommen und sehr viel von meiner liebsten Lieblingsstadt gesehen.

österlich geschmückter Altarraum in St. Eugenia
österlich geschmückter Altarraum in St. Eugenia

St. Eugenia als Praktikumsgemeinde und als geheimes Zentrum der katholischen Kirche in Schweden bot dabei besten Einblick in die Zahnräder und Systematiken des katholischen Lebens. Ich habe eine Kirche kennengelernt, die engagiert und laiengetragen ist, die wächst, die international, bunt und lebendig lebt, die ihren Platz in einer sehr säkularen Gesellschaft aber auch noch sucht. Die immer mal wieder auch mit sich ringt und mit sich diskutieren muss – aber die in ihrem Wachsen Heimat bietet für Menschen aus der ganzen Welt. Die mich als Theologie-studentin sehr geprägt hat mit neuen Perspektiven auf einen

so anderen Teil unserer römischen Weltkirche.

Zeit für Urlaube, Ausflüge und schwedische Feste

Zu meiner Rolle als Bonifatiuspraktikantin gehörte dabei aber neben der Arbeit auch Zeit für Urlaube, Ausflüge und schwedische Feste. So habe ich Ruinen auf Gotland, Klosterkirchen in Vadstena, Fährfahrten nach Riga oder Helsinki und Saunawochenenden in Marieudd erleben dürfen, bin durch schwedische kahle Wälder im Winter gewandert und im noch eiskalten Schärgarten-Ostseewasser im Sommer schwimmen gewesen. Habe an Midsommar nachts um 2 Uhr ohne künstliche Lichtquelle auf einem Steg am See Karten gespielt, habe eine unendliche Anzahl an Stockholmer Sonnenuntergängen genossen und war Kayak fahren. Ich habe jeden Tag genutzt, war viel draußen und habe unglaublich viel gesehen.

Corona

Sommerliche Ausflüge ans Wasser
Sommerliche Ausflüge ans Wasser

Einige wenige Sätze seien an dieser Stelle zu Corona gesagt: So viel Unsicherheit und Frustration die Pandemie auch gebracht hat, so bin ich für zwei Dinge ziemlich dankbar.

1. Für das Bonifatiuswerk und das Team von „Praktikum im Norden“, dass uns Praktikant*innen in dieser Zeit mit Ruhe und Zuspruch und der notwendigen Flexibilität unterstützt hat. Ihr habt einen super Job gemacht, ehrlich!

2. Für einen intensiven Frühling und Sommer in Stockholm. Wäre ich ohne das Virus in den letzten drei Monaten viel unterwegs gewesen, hätte viel Besuch bekommen und hätte sicher auch viel erlebt, habe ich so das Erwachen der schwedischen Natur, erste wärmere Tage in Stockholm und Umgebung und die sommerliche Laune der schwedischen Landsleute sehr bewusst und wertschätzend genießen können. Das möchte ich nun im Nachhinein keinesfalls missen.

Keine Worte ...

Es gibt keine Worte, die auch nur im Ansatz ausdrücken könnten, was dieses Jahr mit mir gemacht hat, wie tief die Spuren sind, die es in mir hinterlässt.

 

Keine Worte für die Bedeutung all meiner Begegnungen, jedes einzelnen Tages, jeder Geschichte die ich jetzt zu erzählen habe.

 

Keine Worte dafür wie groß der Teil meines Herzens ist, der in Stockholm bleibt.

 

Und dabei möchte ich nichts, keine einzige Entscheidung, keine geweinte Träne und kein

gelachtes Lachen, anders machen. Jede Sekunde, auch die schweren, war perfekt so wie sie war und randvoll mit Dankbarkeit und einem glücklichen Herzen schaue ich auf alles zurück was war. Ein guter Wegbegleiter in diesem Jahr hat vor einigen Monaten zu mir gesagt „Ins Ausland gehen ist einfach, das zurück kommen ist das, was schwer wird.“ Recht hatte er.

 

Und so werden meine Erinnerungen und ich noch etwas Zeit brauchen bis wir ganz wieder hier angekommen sind. Aber das was war, all die Freude und alle Erfahrungen und Erlebnisse und Freundschaften der letzten 11,5 Monate, kann mir keiner mehr nehmen. Sie sind jetzt ein Teil meines noch jungen Lebens und werden es immer bleiben.

Stockholm i mitt hjärta – Stockholm in meinem Herzen.

Catalina

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