
Runā lēni ist Lettisch und heißt "sprich langsam"! Dieser Satz klebt im Autismus-Zentrum an einem Tisch, an dem "Uno" gespielt wird, als Erinnerung für die Klienten, und irgendwie beschreibt er recht gut meinen Start in Riga in den vergangenen drei Monaten. "Sprich langsam, Ines" - hat auch meine Mentorin am Anfang oft gesagt, wenn ich mal wieder viel zu schnell irgendwas mitteilen wollte, wir aber durch unterschiedliche Muttersprachen nicht so schnell kommunizieren können.
Abwechslungsreiche Einsatzorte

Mein Start erfolgte tatsächlich langsam, man baut sich in einem neuen Land ein neues Leben auf, in dem man bei null anfängt und bei dem viele Sachen erstmal länger dauern und nicht direkt im ersten Anlauf klappen. Ich lerne hier gerade, Geduld zu üben, und auf Gottes Plan zu vertrauen, weil vieles im ersten Moment einfach länger dauert.
Ich arbeite in zwei Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigung, zum einen im Autismus-Zentrum, in dem wir mit den Klienten viel Basteln, Karten spielen, spazieren gehen und auch einen Workshop zu gesunden Snacks anbieten. Und zum anderen in der Kerzenwerkstatt, in der wir die handwerklichen Aufgaben übernehmen, die die Klienten selbst nicht leisten können, um die Kerzen herzustellen. Das sind beides sehr schöne Praktikumsorte, die sich gut ergänzen und Abwechslung ermöglichen.
Was dir sonst keiner über das Ausland sagt

Ich habe gelernt, dass man im Ausland erst einmal Fehler machen darf und auch auf Hilfe angewiesen sein wird, ob durch kulturelle Unterschiede sowie die Sprachbarriere, oder auch durch ein anderes Verständnis von "normal". Aber es ist in Ordnung, und darf auch überfordernd wirken.
Eigentlich sollte sich dieser Aufenthalt wie "Frei sein" anfühlen, fühlt sich aber oft erstmal wie "Überleben" an, wenn man vieles neu lernen muss. Außerdem war ich oftmals sehr alleine, denn in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht wirklich kann, ist es schwer, Anschluss zu finden.
Es lohnt sich
Auch wenn die ersten drei Monate anstrengend waren, dürften es wahrscheinlich auch die bisher prägendsten Monate meines Lebens gewesen sein. Ich habe sehr viel über das Leben gelernt und bin über mich hinausgewachsen.
Aber all die Herausforderungen lohnen sich, für die Sonnenuntergänge am Meer oder am Fluss - an einem ganz normalen Tag in Riga.
Ein paar andere Highlights waren das "Public Viewing" der Basketball-EM in Riga mit vielen Fans zu schauen, beim Herbstmarkt auf dem Domplatz lettischen Volkstanz zu bestaunen, aber auch Lettlands wunderschönen Herbst in allen Farben an verschieden Orten zu genießen.
Das Baltikum kennenlernen
Die Zeit hat meinen Horizont erweitert und das nicht nur geistig, sondern auch geografisch. Durch die kurzen Wege innerhalb des Baltikums habe ich auch schon ein Wochenende bei Jule Marie und Johanna in Tartu verbringen dürfen. Ein paar Wochen später sind wir gemeinsam nach Vilnius gefahren, wodurch ich nun schon drei neue Länder entdecken durfte und das nicht nur als Tourist, sondern auch durch die Augen von Einheimischen.
Von Anfang an hat es mich fasziniert, dass an fast jedem Haus in Riga die Nationalfahne hängt, da ich das so aus Deutschland nicht kannte. Als dann vor ein paar Wochen noch der Unabhängigkeitstag gefeiert wurde und Marika und ich bei der Militärparade zugegen waren, konnten wir den lettischen Nationalstolz nochmal ganz anders erleben, und es war zu spüren, wie glücklich die Letten sind, dass sie kein besetztes Land sind. Trotzdem ist durch die Nähe zur Ukraine und Russland sichtbar, wie nah die Gefahr ist und dass sie sich der Situation bewusst sind. Diese Thematik macht mir deutlich, in welch einem privilegierten Land ich aufgewachsen bin und Themen wie Krieg und Unterdrückung mir eigentlich sehr fern sind.
Atā un visu labu!
Tschüss und alles Gute!


