Wo die Ostsee zum Ritual wird - mein Jahr in Riga

Ich am Fluss Düna zum Sonnenuntergang. (Foto: Privat)
Ich am Fluss Düna zum Sonnenuntergang. (Foto: privat)

Ich war von September 2025 bis Mai 2026 in Riga in der Kerzenwerkstatt tätig. Außerdem habe ich im Autismus-Zentrum und in der Suppenküche meinen Freiwilligendienst absolviert. In der Kerzenwerkstatt habe ich all die handwerklichen Tätigkeiten übernommen, die die Klienten nicht leisten konnten, dabei konnte ich meine Motorik und meine handwerklichen Kenntnisse erweitern.

Mein Arbeitsalltag

Hier ist zu sehen, wie wir bunte Käfer basteln.
Hier ist zu sehen, wie wir bunte Käfer basteln.

Im Autismus-Zentrum habe ich vormittags Bastelangebote durchgeführt, und habe dabei meine im Studium erlernten Kenntnisse zur Elementarisierung praktisch umsetzen können, ohne große Planung vorher, sondern konnte intuitiv und bei Bedarf Änderungen vornehmen und auf die Bedürfnisse der Klienten eingehen. Außerdem war ich nachmittags oft mit einem Klienten mit Trisomie 21 spazieren, um ihn zur Ruhe kommen zu lassen und die anderen Klienten nicht in ihrer Neurodivergenz zu stören. Am Donnerstagnachmittag haben Marika und ich immer einen Back Workshop angeboten. Wir sollten "Healthy Snacks" mit den Klienten zubereiten, um ihnen die verschiedenen Lebensmittel näher zu bringen und sich zu beteiligen. 

Zeit für neue Erlebnisse

Besuch der Ausstellung "Collections" im Art Center Zuzeum Riga
Besuch der Ausstellung "Collections" im Art Center Zuzeum Riga

In meiner Freizeit war ich im Herbst nach der Arbeit noch relativ viel im nahgelegenen Wald spazieren. Als es dann immer kälter wurde und bis zu -20 Grad erreichte und spazieren nicht mehr so angenehm war berief ich mich auf meine alten Hobbys zurück und habe viel gelesen und die lettischen Schwimmbäder ausprobiert, aber festgestellt, dass es in Lettland 2-3x so teuer ist wie zuhause und das kein regelmäßiges Hobby bleiben kann. Ich habe über die Wintermonate Häkeln gelernt, und mein Interesse zu Museen jeglicher Art entdeckt und gerne dort meine freien Nachmittage verbracht, wenn ich nicht gerade in der Nationalbibliothek mit Panoramablick über Riga gelesen habe. Viele Freizeitaktivitäten, wie Museen und Konzerte, die ich unternommen habe, hätte ich aufgrund Zeitmangels zu Hause nicht gemacht.

Grenzen überwinden und Horizonte erweitern

 Eine Raupe und zwei Schmetterlinge am Fenster vom Autismus Zentrum
Eine Raupe und zwei Schmetterlinge am Fenster vom Autismus-Zentrum

Die Kommunikation in Lettland habe ich gut auf Englisch gemeistert, und in der Kerzenwerkstatt konnte ich mit meiner Mentorin Deutsch sprechen. Im Autismus-Zentrum erfolgte die Kommunikation mit Händen und Füssen und Google-Übersetzer, da oft niemand Englisch konnte. In solchen Momenten habe ich mich oft isoliert gefühlt. 

 

Meine Ziele, mit denen ich in das Praktikum gestartet bin, waren, dass ich eine neue Kultur kennenlerne und mir in einem unbekannten Umfeld ohne "Rolle" über meine berufliche Perspektive Gedanken machen kann. Meine Ziele habe ich erfüllt, ich habe ein mir vorher völlig unbekanntes Land kennengelernt und würde sagen, dass ich dort nun ein Stück Zuhause habe. Ich habe die mir anfangs unverständliche Mentalität, durch russischen und ukrainischen Einfluss, kennengelernt und vielleicht ein wenig nachvollziehen können. Außerdem habe ich durch Reisen durchs Baltikum und nach Schweden und Finnland meinen geografischen und geistigen Horizont erweitert. Ich habe in der Zeit mein Englisch verbessert und habe viel Neues ausprobiert.

Begegnungen mit Tiefgang

Besuch eines Candlelight Konzert
Besuch eines Candlelight Konzert

Die Begegnungen mit den Mutter Teresa Schwestern werde ich mit mir in meinem Herzen tragen, und all die kurzen Begegnungen mit anderen internationalen Freiwilligen dort vor Ort. Außerdem habe ich dort einmal mehr darüber nachgedacht, wie unterschiedlich unsere Leben sind, und wie sehr es darauf ankommt, wo du geboren wurdest und mit welchen Privilegien. Ich bin nach der Suppenküche in den Park oder ins Museum gegangen und danach in mein Zimmer, das ich abschließen konnte und die Bedürftigen gehen danach einfach wieder auf die Straße mit ihren zwei Leinentaschen. Neben den Begegnungen in der Suppenküche waren auch die Begegnungen in der deutschen Gemeinde in St. Petri Riga sonntags wertvolle Momente der Woche, mit anderen Freiwilligen, Erasmusstudenten oder anderen deutschsprachigen Menschen, die dorthin ausgewandert sind. 

 

Herausfordernd war auf jeden Fall in dieser Zeit die Wohnsituation, dass wir im Autismus-Zentrum gelebt haben und mit drei Klient*innen auf dem Flur gelebt haben. Die Letten haben ein anderes Verständnis von Nähe und Distanz und dadurch war es schwer, die "Rollen" zu wahren, wenn wir uns von "9-to-5" auf der Arbeit sehen und danach die Küche zum Abendessen teilen.

 

Ich gehe gestärkt aus dieser Zeit heraus. Ich habe nochmal gelernt, meine Grenzen zu formulieren und für mich selbst einzustehen, Ruhe auszuhalten und nicht jeden Time Slot zu füllen. Ich nehme aus meiner Zeit in Riga viel Resilienz mit.

Neue Eindrücke der Kirche vor Ort

In meinen zwei Haupteinsatzstellen habe ich die katholische Kirche gar nicht wahrgenommen, die Kollegen in der Kerzenwerkstatt und im Autismus-Zentrum schienen, nicht viel mit Kirche zu tun zu haben. Die meisten waren wohl auch nicht christlich sozialisiert und verwundert, wenn wir von aktuellen christlichen Feiertagen sprachen. Im Autismus-Zentrum mussten wir bei Bedarf auch immer wieder erklären, was das Bonifatiuswerk ist und wo wir herkommen, das war in der Kerzenwerkstatt schon einfacher. Gebete und Messfeiern in der Suppenküche und auch in privat besuchten Gottesdiensten in Lettland wirkten sehr viel konservativer als in Deutschland, es war viel priesterorientierter und es wurde oft, noch wie vor dem 2. Vatikanum verbreitet, Mundkommunion praktiziert.

Wagt den Schritt ins Unbekannte!

Am meisten werde ich die Ostsee vermissen, die so nah war, dass ein Feierabendspaziergang oder den Sonnenuntergang am Strand zu schauen zu einem wöchentlichen Ritual geworden ist.

Einen längeren Auslandsaufenthalt kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen, da man so ein Land besser kennenlernt als nur durch einen kurzen Besuch, man erlebt die Jahreszeiten viel intensiver - von Herbst über Winter und freut sich dann über den Frühling und die ersten Blüten am Baum viel mehr nach einem kalten Winter im Norden. Wenn man sich einen Alltag dort von Null aufbaut, neue Freundschaften schließt, ohne irgendwelche seit Kindheitstagen erhaltenen Verbindungen oder Vereine oder Institutionen, in die man integriert ist, die es einem leichter machen, lernt man nochmal so viel mehr über sich selbst

Ines

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